Jörg IMMENDORFF: Für alle Lieben in der Welt

Haus der Kunst, München | 14.9.18 – 27. Januar 2019

Jörg Immendorff - Für alle Lieben in der Welt, 1966 Öl auf Leinwand 160 x 130 cm 
Städtische Galerie Karlsruhe © Estate of Jörg Immendorff, 
Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Die Ausstellung schlägt den vollständigen Bogen von Immendorffs Anfängen an der Akademie über die gesellschaftspolitisch-agitatorische Werkphase der 1960er bis frühen 1980er-Jahre hin zu den allegorisch verschlüsselten Gemälden der letzten Schaffensperiode. Statt streng der Chronologie zu folgen, sind die nahezu 200 Werke und Skulpturen in dieser Retrospektive in Kapitel gegliedert und zeigen so die entscheidenden Schwerpunkte der Werkentwicklung.


Jörg Immendorff (1945-2007) pflegte sein Image als Künstler und harter Kerl, doch er hatte auch weiche und nachdenkliche Seiten, die man neben seinem politischen Sendungsbewusstsein in der Retrospektive „Für alle Lieben in der Welt“ entdecken kann.

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Mitte der 1960er-Jahre als Beuys-Schüler an der Düsseldorfer Akademie erprobt sich Immendorff zunächst als Agitationskünstler. Die Aktionen der Lidl-Akademie, die er mit seiner ersten Ehefrau Chris Reinicke entwickelt, stehen für Liebe und Frieden und den Wunsch die Welt zu verändern, sich gegen die uninspirierte und wenig geistreiche Politik in Deutschland aufzulehnen. „Lidl“ ist dabei ein Kunstwort in der Tradition von Dada. Intuition und Schöpfergeist sollen durch die Aktionen befreit werden.

Später steht Immendorff der KPD nahe. Einige Jahre arbeitet er als Hauptschullehrer und entwickelt eine Bildsprache, in der Wort und Bild gleichberechtig nebeneinander stehen. Unter dem Titel „Rechenschaftsbericht“ entsteht ein Zyklus von Gemälden mit klarer politisch-pädagogischer Botschaft.

Jörg Immendorff - Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?, 1973 
Acryl auf Leinwand, 2-teilig 130 x 210 cm © Estate of Jörg Immendorff,
Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Erst Ende der 1970er-Jahre fasst Immendorff den Entschluss sich vollkommen der Kunst zu verschreiben. 1976 beteiligt er sich an der Biennale in Venedig und 1977 folgt schließlich der Einstieg in den Café Deutschland-Zyklus, angeregt durch Renato Guttusos Café Greco, das Immendorff in einer Ausstellung in Köln gesehen hatte. In den Café Deutschland-Bildern arbeitet sich Immendorff an der Politik seiner Zeit ab – es ist die Zeit der RAF und innenpolitischer Konflikte auf beiden Seiten der Mauer –, eine Wiedervereinigung scheint vollkommen außerhalb jeglicher Realität. In düsteren, theaterhaften Barszenen, die von Prominenten und Künstlern bevölkert sind, stellt Immendorff sich selbst meist als Grenzgänger zwischen Ost und West dar. Neben der klaren politischen Motivation zeigen die Bilder jedoch auch Immendorffs Gedankenwelt, in der Ideen über Zeit und Raum miteinander im Dialog stehen.

1998 erfährt Immendorff, dass er an ALS erkrankt ist. Seine Welt wird dunkler und sein Werk richtet sich zunehmend nach innen. Er arbeitet bis zu seinem Tod – am Ende nur noch mit Unterstützung von Assistenten, die seine Anweisungen im Atelier ausführen.

Die Retrospektive wird ca. 200 Werke aller Schaffensphasen umfassen. Sie folgt keiner strengen Chronologie der Werke, vielmehr wird sie entscheidende Schwerpunkte der Werkentwicklung in Kapiteln darstellen.

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Haus der Kunst, München | 14. September 2018 - 27. Januar 2019

Jörg IMMENDORFF: Für alle Lieben in der Welt

Pressetext: Haus der Kunst, München
Kurator: Ulrich Wilmes

Der Katalog „Jörg Immendorff. Für alle Lieben in der Welt“ (Feridun Zaimoglu: Ich, Immendorff) erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, mit einem Vorwort von Ulrich Wilmes und Manuel Borja-Villel und Texten von Okwui Enwezor, Johanna Adorjan, Ulf Jensen, Danièle Cohn, Harald Szeemann, Pamela Kort und Feridun Zaimoglu. Es erscheint außerdem eine englische Ausgabe.

440 Seiten,
mit 120 farb. Abb.
Sprache: Deutsch
Verlag: König
26 x 30,5 cm

Der Katalog zur ersten großen Ausstellung, die dem Künstler seit seinem Tod 2007 ausgerichtet wird, und bietet einen thematischen Überblick über sein Werk. Die Identität des Künstlers war tief verwurzelt in der Geschichte Deutschlands und geprägt von der Nachkriegszeit.

Über 120 Arbeiten werden nicht in streng chronologischer Abfolge präsentiert, sondern zeigen Schlüsselelemente in der Entwicklung von Immendorffs Œuvre in einzelnen Kapiteln auf. So ermöglichen sie einen differenzierten Blick auf sein Leben und Werk. Unter den Arbeiten befinden sich einige nur ganz selten zu sehende Leihgaben sowie sehr bekannte Gemälde, die das mehr als vier Jahrzehnte umspannende Schaffen des Künstlers anschaulich machen.

Das Gemälde eines Babys mit roter Haut und Blumenstrauß aus dem Jahr 1966 gab der Ausstellung den Titel: „Für alle Lieben in der Welt“. Es ist Teil einer umfangreicheren Serie, die Babies unterschiedlicher Herkunft zeigt, pausbäckig und lachend, auf Einfachheit getrimmt „als Zeichen für Liebe und Frieden“ (Jörg Immendorff).

Mit seiner damaligen Lebensgefährtin Chris Reinecke verwirklichte Immendorff (1945-2007) von 1968 bis 1970 unter dem Etikett „Lidl“ neodadaistische Kunstaktionen. Für „Lidl“ – ein Fantasiebegriff der, mehrmals wiederholt, das Geräusch einer Babyrassel nachahmt – luden Immendorff und Reinecke in einen angemieteten Ausstellungsraum in der Düsseldorfer Altstadt und führten Happenings auf. Bei einer dieser Aktionen beschoss Immendorff, bekleidet mit Babymaske und Höschen, aus einer Pappkanone das Publikum mit Papierkügelchen, die Botschaften trugen wie „hapmi lieb“, oder auch, erneut, „Für alle Lieben in der Welt“.

Die Provokation bestand genau darin, dass Immendorff und Reinecke mit „Lidl“ den Themen Vietnamkrieg, Wettrüsten, Atomkraft und Umweltaktivismus, mit denen die Studentenrevolution atmosphärisch aufgeladen war, etwas betont Kindliches, Verspieltes entgegenhielten. Hinter dieser vermeintlichen Naivität gab es konkrete Bezüge zum Zeitgeschehen. Mit „Sport-Lidl“-Wettkämpfen beispielsweise protestierten Immendorff und Reinecke 1969 gegen die Olympischen Spiele, die 1972 in München ausgetragen werden sollten: Reinecke in der Disziplin Weitsprung, Immendorff in 100-Meter-Lauf.

Während seiner Ausbildung an der Akademie in Düsseldorf erfuhr Immendorff besondere Förderung durch Joseph Beuys, der dem erst zwanzigjährigen Schüler eine Ausstellung bei Schmela in Düsseldorf vermittelte. Immendorff seinerseits war von „seinem Professor, dessen Ausstrahlung, dem von ihm propagierten Freiheitsbegriff und dessen Glaube an die bewusstseinsverändernde Kraft der Kunst tief beeindruckt“ (Harald Szeemann) und brachte dies in seinen Gemälden durch Bezüge zum Beuys’schen Werk zum Ausdruck („Kleine Reise Hasensülze“, 1990). In dem 1978 begonnenen Zyklus „Café Deutschland“, der auf 19 großformatige Gemälde anwuchs, ist Beuys selbst präsent, ebenso andere bekannte Persönlichkeiten aus Ost und West, samt ihren jeweiligen Machtsymbolen. Diese Szenen mit Bertold Brecht, Helmut Schmidt, Erich Honecker und A.R. Penck in einem Café als utopischer Begegnungsstätte leuchtete Immendorff dramatisch aus wie expressionistische Theaterstücke.

Jörg Immendorff - Café Deutschland I, 1978 Öl auf Leinwand 282 x 330 cm 
© Estate of Jörg Immendorff,
Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Politisch motivierte Gemälde bilden einen weiteren Komplex der Ausstellung. Sie spielen ebenfalls mit formalem Dilettantismus und enthalten direkte Aussagen zum politischen Tagesgeschehen der Bundesrepublik. Der Mauerfall würde sich nicht durch die Politik herbeiführen lassen, sondern müsse durch das Volk angestoßen werden, glaubte Immendorff. In seinem Werk hatte er die ‚Naht‘ zwischen Ost und West zum Thema erhoben. Am 9. November 1989 wurde dieser Teil seines Werks über Nacht historisch. Immendorff avancierte zum visionären Maler der deutschen Teilung und Wiedervereinigung.

Themen und Tonlage ändern sich mit einer 1998 diagnostizierten Nervenkrankheit, die Immendorff auch zu einer veränderten Malweise brachte; er führte zuletzt den Pinsel nicht selbst, sondern die Regie über die Bildgestaltung. Seine Frau Oda Jaune, selbst eine bekannte Künstlerin, sagt über diese Entwicklung, Immendorff habe zwei Hände verloren, jedoch acht gewonnen. In diese Phase gehören Schlüsselwerke wie „Letztes Selbstporträt I – Das Bild ruft“ (1998), das Hans Baldung Grien entliehene Vanitas-Motiv einer auf zwei Weltkugeln balancierenden Läuferin („Ohne Titel“, 2000) und „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“ (2007). Aus dem Spätwerk sind die politischen und gesellschaftlichen Botschaften allmählich entwichen.

VIDEO | Dokumentation / Nachruf , ARD


Haus der Kunst 
Prinzregentenstraße 1
80538 München

Öffnungszeiten:
Mo 10 Uhr bis 20 Uhr
Do 10 Uhr bis 22 Uhr

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