GENIALE DILLETANTEN – Subkultur der 1980er

Albertinum, Dresden | bis 19. November 2017

Reflexbewegung mit der Maschinen Pistole - Sammlung Klaus Maeck

Reflexbewegung mit der MaschinenPistole, Hamburg, Ausschnitt
Foto aus der privaten Fotosammlung von Klaus Maeck

„Geniale Dilletanten“ lautete 1981 der absichtlich falsch buchstabierte Titel eines Musikfestivals in Berlin. Er wurde zum Synonym für die kurze Epoche des Aufbruchs der künstlerischen Alternativszene in Deutschland. Den Akteuren ging es um das unabhängige Produzieren von Platten, Konzerten und Ausstellungen, die Neugründung von Magazinen, Galerien und Clubs, aber auch um lautstarken Protest gegen den kulturellen Mainstream. Die Ausstellung präsentiert die große Bandbreite dieser Subkultur ausgehend von sieben Musikbands sowie Künstlern, Filmemachern und Designern. „Geniale Dilletanten“ wurde als Tourneeausstellung des Goethe-Instituts konzipiert, die für die Präsentation im MKG maßgeblich erweitert wird. 


Die breit angelegte Ausstellung präsentiert Protagonisten und Treffpunkte der künstlerischen Szenen in verschiedenen Städten, und bietet Einblicke in die vielfältigen Netzwerke. Nicht zuletzt werden zeitgleiche Entwicklungen in Kunst, Film, Mode und Design thematisiert. Mit einem eigens produzierten Interviewfilm, Video- und Fotomaterial, Hörbeispielen, Magazinen, Plakaten und weiteren Exponaten aus der Szene, geht die bisher umfangreichste Präsentation der deutschen Subkultur der 1980er-Jahre mit einem ausführlichen Begleitprogramm einher, das Konzerte und Symposien einschließt.

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Haus der Kunst, München | bis 11. Oktober 2015 
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg | bis 30. April 2016
Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden | bis 19. November 2017

In der Dresdner Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland“ wird die Tournee-Ausstellung des Goethe-Instituts durch einen gleichwertigen Fokus auf die DDR-Szene entscheidend erweitert.

Die westdeutsche Subkultur trifft auf die alternative, ostdeutsche Musik- und Kunstszene jener Zeit. Bedingt durch die verschiedenen Gesellschaftssysteme unterscheiden sich Motivation und Artikulation der Gegenkulturen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.

In der Gegenüberstellung werden jedoch auch Parallelen und sogar grenzüberschreitende Berührungspunkte sichtbar.

In der DDR gehörte die Grenzüberschreitung von einem künstlerischen Medium zu einem anderen, von der bildenden Kunst zur Klangerzeugung, zum Super-8-Film, zur Performance, zum Text und zum Theater in den 1970er und 1980er Jahren zur Strategie der Aufmüpfigen, die gegen die Reglementierungen seitens des SED-Staats und des Künstlerverbandes angingen.Diese ostdeutsche Subkultur wird mit zum Teil noch nie gezeigtem Bild- und Tonmaterial sowie mit ausgewählten Gemälden, Grafiken, Zeitschriften, Plakaten, Kassettencovern und Archivalien dokumentiert (Kurator: Christoph Tannert).
Künstlerinnen und Künstler wie A. R. Penck und die Gruppe Lücke frequentor, Helge Leiberg, Michael Freudenberg, Klaus Hähner-Springmühl, Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, Christine Schlegel, die Dresdner Autoperforationsartisten, Matthias BAADER Holst, Moritz Götze oder Tohm di Roes provozierten Publikum und Funktionäre mit wilden Gesten, infernalischen Auftritten, aber auch subtilen innerkünstlerischen Erkundungen. Bands und Künstler-Formationen wie AG Geige, Ornament und Verbrechen, Zwitschermaschine, 37,2, Pfff…, Rennbahnband, Kartoffelschälmaschine, Die letzten Recken, Die Gehirne oder Die Strafe praktizierten den radikalen Normbruch in einem Klangspektrum zwischen Free Jazz, Anarcho Jazz, Free Style, Noise, Punk und NDW-Elektro abseits der institutionalisierten Kulturöffentlichkeit.

Intermedia I

Von besonderer, wegweisender Bedeutung für die unangepasste Szene in der DDR, ihre Selbstfindung und Suche nach Freiräumen künstlerischer Existenz war das zweitägige Festival Intermedia I in Coswig bei Dresden. Anfang Juni 1985 agierten dort genre- und medienübergreifend Maler, Musiker der Freejazz- und Punkszene, Super-8-Filmer, Performer und Tänzer vor über 1.000 Besuchern aus allen Teilen der DDR. In einem eigens für die Ausstellung produzierten Film von Thomas Claus wird dieses Ereignis erstmals ausführlich dokumentiert.

VIDEOIntermedia I – Farbraum/Klangbild

GENIALE DILLETANTEN

Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland

Pressetext: Haus der Kunst, München / Goethe-Institut
Kuratorin: Mathilde Weh, Referentin des Goethe-Instituts im Bereich Bildende Kunst

„Geniale Dilletanten“ war der absichtlich falsch buchstabierte Titel eines Konzerts, das 1981 im Berliner Tempodrom stattfand und zum Synonym einer kurzen Epoche künstlerischen Aufbruchs wurde.Vor allem im Umfeld von Kunsthochschulen entwickelte sich eine künstlerische Vehemenz, die durch genreübergreifendes Experimentieren und den Einsatz neuer elektronischer Geräte geprägt war; auf virtuoses Können wurde häufig bewusst verzichtet.

Die Gründung von Plattenlabels, Magazinen, Galerien und Clubs sowie das unabhängige Produzieren von Platten, Kassetten und Konzerten deuten auf eine verstärkte Selbstorganisation und den Do-It-Yourself-Gedanken dieser Zeit hin. Statt des Englischen etablierte sich die deutsche Sprache in Songtexten und Bandnamen, wodurch sich die Protagonisten der Szene vom Mainstream absetzten und ihren Anspruch untermauerten, einen radikalen Bruch herbeizuführen. Mit ihrem lautstarken Protest und gezielter Provokation erlangte die künstlerische Alternativszene auch international Aufsehen und Anerkennung.

KATALOG | Geniale Dilletanten
Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland

Einführung von Mathilde Weh, Texte von Diedrich Diederichsen, Leonard Emmerling, Justin Hoffmann, Heinz Schütz, Klaus Walter, Mathilde Weh, Ulrich Wilmes, Florian Wüst | Titelfoto: „Reflexbewegung mit der MaschinenPistole“, Hamburg, Foto aus der privaten Fotosammlung von Klaus Maeck

Broschur, 160 Seiten, 126 Abbildungen
Sprache: Deutsch, Englisch
Hatje Cantz Verlag;
21,00 x 28,00 cm

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Umsturz! Vom brachialen Punk bis zum experimentellen Film

Der Katalog folgt den Musikbands, den Künstlern, Filmemachern und Designern durch die Clubs, Bars und Galerien ihrer Zeit. Das Gefühl des Aufbruchs und der ästhetischen Freiheit wird hierdurch auch für den gegenwärtigen Leser erfahrbar gemacht.

Die Ausstellung präsentiert die große Bandbreite dieser Subkultur ausgehend von sieben Musikbands sowie Künstlern, Filmemachern und Designern aus impulsgebenden Städten und Regionen West- und Ostdeutschlands — darunter „Einstürzende Neubauten“, die mit einem aus Schrott und Alltagsgegenständen zusammengestellten Instrumentarium die Grenzen zwischen Musik und Lärm erforschten, oder „Die Tödliche Doris“, die mit verschiedenen künstlerischen Formen wie Musik, Film, Fotografie, aber auch mit Objektkunst und Malerei experimentierte.

Best Christoph / Hoffmann Justin / Meinecke Thomas / Melián Michaela, Hrsg. Mode & Verzweiflung, 4 München (Deutschland) / -): Selbstverlag, 1979 (Zeitschrift, Magazin) 48 S., 29,5x21 cm, Auflage: 700, Drahtheftung

Best Christoph / Hoffmann Justin / Meinecke Thomas / Melián Michaela, Hrsg.
Mode & Verzweiflung 4, Selbstverlag, 1979
(Zeitschrift, Magazin) 48 S., 29,5×21 cm, Auflage: 700, Drahtheftung

Die Band „Der Plan“ ging aus dem Betreiben einer Galerie hervor und trat mit surrealen Kostümen und ironisch-sarkastischen Texten auf. „Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.)“ wurde von Redaktionsmitgliedern des Underground Magazins „Mode & Verzweiflung“ gegründet und interessierte sich vor allem für kulturelle Brüche; die Idee von „Authentizität“ lehnte F.S.K. ab. Eine ihrer bekanntesten Losungen lautete:

„Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie. Dies nennen wir Freiwillige Selbstkontrolle“ (1980).

Die Musik von „Palais Schaumburg“ gewann ihren besonderen Charakter durch die Kombination von Synthesizern und Sample-Geräten mit Trompete und skurril-atonal vorgetragenem Gesang. Trotz erschwerter Umstände engagierten sich Ost-Berliner Künstler und Musiker im avantgardistischen Band-Projekt „Ornament und Verbrechen“, das durch Jazz, Industrial und elektronische Musik beeinflusst war. Das Duo „Deutsch Amerikanische Freundschaft (D.A.F.)“ kombinierte provokative Texte mit harten Schlagzeug-Beats, gepaart mit Synthesizer-Effekten und einer Bühnenshow zwischen Ekstase und Krawall.

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No Wave

„Geniale Dilettanten — No Wave“ (2009) ist ein Film über die Musik-, Kunst- und Filmszene der 1980er-Jahre in Berlin und New York. Was die beiden Städte in dieser Zeit verband, war eine hochkreative, experimentierfreudige Szene mit Bands wie Sonic Youth, Malaria!, Einstürzende Neubauten oder Die Tödliche Doris, Künstlern wie Martin Kippenberger oder Jean-Michel Basquiat und Filmemachern wie Jim Jarmusch und Amos Poe. Niemand strebte nach kommerziellem Erfolg; man identifizierte sich mit „Underdogs“ und führte ein „Leben am Abgrund“ — musikalisch immer auf der Suche nach der „Katharsis“.

VIDEO | Geniale Dilettanten – No Wave

ARTE Dokumentation über das Phänomen des "No Wave", 
die im Rahmen der Sendereihe "Summer of the 1980s" entstanden ist.

Der Film von Christoph Dreher, Regisseur und ehemaliges Bandmitglied von Die Haut, zeigt Konzertmitschnitte aus den 1980er-Jahren, Ausschnitte aus Musikvideos und Filmen sowie Interviews mit Künstlern und Musikern wie Blixa Bargeld und Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten), Thurston Moore (Sonic Youth) oder Jim Jarmusch.

Der Bankrott als Chance. Anfang der 1980er sind West-Berlin und New York pleite und bieten mit billigen Fabriklofts, in denen Wohnateliers entstehen, einer wilden und jungen Kreativszene eine einmalige Bühne für die Schaffung eines künstlerischen Undergrounds, dessen unterschiedliche Darstellungsformen von Film, Musik, Malerei, Theater bis zur Literatur sich gegenseitig beeinflussen und interdisziplinär und über den Atlantik in Austausch miteinander treten.

AUDIO | The ‚OPTIMO NO WAVE MIX‘ 44 min [ via OPTIMO UK ]

Tracklist

  1. Mars – 3E
  2. DNA – You and You
  3. Teenage Jesus and The Jerks – Freud In Flop
  4. The Contortions – Contort Yourself
  5. The Fire Engines – Get Up And Use Me
  6. Blurt – Puppeteer
  7. Tools You Can Trust – Show Your Teeth
  8. Sonic Youth – Shaking Hell
  9. 8 Eyed Spy – Lazy In Love
  10. Pulsallama – On The Rag
  11. Arto / Neto – Pini, Pini
  12. Y Pants – That’s The Way Boys Are
  13. ImpLOG – Breakfast
  14. Jill Kroesen – Fay Shism Blues

 

Die große Untergangsshow

Festival Genialer Dilletanten (1981) im Berliner Tempodrom

Am 4. September 1981 fand das inzwischen legendäre „Festival Genialer Dilletanten“ im Berliner Tempodrom statt. Das Wort Dilletanten war ursprünglich ein Schreibfehler auf einem Flyer, wurde jedoch beibehalten, um den bewusst gesetzten Unterschied zu herkömmlichen „Profi“-Musikern deutlich zu machen. Im Berliner Tempodrom traten Bands auf wie Einstürzende Neubauten, Performancekünstler wie Die Tödliche Doris sowie weitere Noise-Bands, experimentelle Rockbands und Künstlergruppen, die vorwiegend aus West-Berlin kamen. Was die unterschiedlichen Akteure einte, war die Idee einer grenzüberschreitenden Ausdrucksform und die Verbindung von Kunst, Performance und Musik.

Teilnehmende Bands: Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris, Vroammm!, Nekropolis, Leben und Arbeiten, DIN A Testbild, Sentimentale Jugend!, Wir und das Menschliche E.V., Gudrun Gut, Max Müller, Wieland Speck und DPA (Deutsch-Polnische Aggression).

VIDEO | Einstürzende Neubauten – Kollaps [Live] 1981, Berliner Tempodrom — Festival Genialer Dilletanten

 

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VIDEO | Sprung Aus Den Wolken [Live] 1981, Berliner Tempodrom — Festival Genialer Dilletanten

In diesem »diasporischen« Umfeld verkehren auch Heidi Paris und Peter Gente, in deren Merve Verlag 1982 das Manifest des subkulturellen West-Berlin, Geniale Dilletanten, erscheint – benannt nach der »Großen Untergangsshow« im Tempodrom. Es treten u.a. auf: Gudrun Gut, Die Tödliche Doris und Die Einstürzenden Neubauten, aber auch das »Mädchen vom Bahnhof Zoo« Christiane F. und die späteren Techno-Akteure Westbam und Dr. Motte.

Herausgeber des Merve-Bändchens Nr. 101 ist Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris). Seine Band spielt sowohl in besetzten Häusern als auch in Kunstkontexten, etwa bei Harald Szeemanns Ausstellung ‚Der Hang zum Gesamtkunstwerk‘ oder auf der documenta 8.

Wolfgang Müller - Subkultur Westberlin 1979-1989. Freizeit. FUNDUS Band 203

BUCH | Subkultur Westberlin 1979 – 1989 von Wolfgang Müller

Gebundene Ausgabe
600 Seiten
Philo Fine Arts Verlag
Sprache: Deutsch
10,8 x 4,3 x 16,6 cm

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Müllers Geschichte der Westberliner Subkultur simuliert keine distanzierte Objektivität, ist aber weit mehr als Akteursbericht. Er wendet sich den Umschlagplätzen zu, den Materiallagern, den Flohmärkten, erinnert an illegale Kulturstätten wie den Kuckuck und portraitiert Szeneakteure wie Ratten-Jenny, die 1978 Martin Kippenberger attackierte.

Damit präsentiert er West-Berlin als Produktionsraum, in dem sich Bewegungen kristallisierten, atomisierten und erst später zu breit wahrnehmbar bis heute wirkenden Gebilden formten.

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B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979—1989

Ein Essayfilm, der die Westberliner Avantgarde-Szene, die Hausbesetzerszene und noch die Anfänge der frühen Loveparade zu einer Handlungslinie um den Protagonisten Mark Reeder zusammenführt. Er besteht aus dokumentarischem Filmmaterial der 1980er Jahre und wird durch neu gedrehte Szenen in historischer Optik verbunden. Die Premiere fand im Rahmen der Berlinale 2015 statt. Heiner Carow Preis 2015 der DEFA-Stiftung.

B-Movie Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989DVD / BLUE RAY

EXTRAS:
Interview mit Bernard Sumner
Interview mit Mark Reeder
„YOU NEED THE DRUGS“ Westbam feat. Richard Butler
„RADIO WAR“ Die Unbekannten
„LOVE HABIT“ Shark Vegas

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B-MOVIE ist eine Dokumentation über Musik, Kunst und Chaos im wilden West-Berlin der 1980er Jahre. Bevor der eiserne Vorhang fiel, tummelten sich hier Künstler und Kommunarden, Hausbesetzer und Hedonisten jeder Coleur. Die eingemauerte Stadt war ein kreativer Schmelztiegel für Sub- und Popkultur, Geniale Dilletanten und Weltstars.

B-MOVIE erzählt die letzte Dekade der geteilten Stadt, von Punk bis zur Love Parade, mit authentischem Filmmaterial und Originalinterviews. Protagonist: Mark Reeder.
Außerdem mit Gudrun Gut, Annette Humpe, Blixa Bargeld, Nena, Nick Cave, Westbam, Joy Division, Zazie de Paris, Die Toten Hosen, Der „wahre“ Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Die Unbekannten, Malaria!, Notorische Reflexe u.v.a

 


Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

ALBERTINUM Dresden
albertinum.skd.museum/ausstellungen/geniale-dilletanten

LAUFZEIT
15.07.2017 – 19.11.2017

ÖFFNUNGSZEITEN
täglich 10-18 Uhr , Montag geschlossen
15.01.2018 – 19.01.2018 geschlossen

EINTRITTSPREISE
regulär 10 €, ermäßigt 7,50 €, unter 17 frei, Gruppen ab 10 Personen 9 €

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SOCIAL MEDIA anonym durch Einsatz des c't-Projektes Shariff