OMER FAST – Reden ist nicht immer die Lösung

Martin-Gropius-Bau, Berlin | bis 12. März 2017

CNN Concatenated 2002 Video Still

Omer Fast (* 1972) gehört zu den markantesten Film- und Videokünstlern seiner Generation. Er kreiert in seinen Filmen eine Narration, die die Grenzen zwischen eigener und medialer Erzählung sowie aktueller und historischer Ereignisse in Frage stellt. Sein Werk verweist auf das Spannungsverhältnis zwischen Dokumentation und Fiktion. Der Martin-Gropius-Bau zeigt sieben seiner Projekte in einer ersten großen Soloausstellung in Berlin.


Zu sehen sind: CNN Concatenated von 2002, Looking Pretty for God (nach G.W.) von 2008, 5000 Feet is the Best von 2011, Continuity von 2012, Everything That Rises Must Converge von 2013, und Spring von 2016 sowie eine neue Arbeit mit dem Titel August von 2016. Dieses filmische Werk wurde in 3D aufgenommen und stellt das Leben und Werk des bekannten Kölner Fotografen August Sander (1876-1964) ins Zentrum. In surrealen Traumsequenzen wird der Künstler am Ende seines Lebens vom Tod seines Sohnes und seiner fotografierten Figuren heimgesucht.

Verbunden wurden die sieben Videowerke durch drei inszenierte Warteräume, ähnlich derer beim Arzt, am Flughafen oder bei der Ausländerbehörde. Der Künstler hat sie für den Martin-Gropius-Bau konzipiert.

Martin-Gropius-Bau, Berlin | bis 12. März 2017

OMER FAST – Reden ist nicht immer die Lösung

Pressetext: Martin-Gropius-Bau, Berlin | www.berlinerfestspiele.de

Fast erzählt in seinen filmischen Kunstwerken Geschichten von Trauma, Krieg und Beziehungen. Es ist stets bearbeitetes Material. Doch nichts ist verlässlich: keine Figur, kein Erzähler, kein noch so authentisches Filmmaterial. Alles ist konstruiert. Alles, was wir zu wissen glauben, könnte auch ganz anders sein. Fast, der in Israel und den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist und seit 2001 in Berlin lebt, stellt in seinen Arbeiten die Konventionen des Storytellings in Frage. Omer Fasts Filme sind mehr als Gedankenexperimente oder Spiele zwischen Erzählung und Inszenierung. Sie sind beklemmend und berührend zugleich.

Zusätzlich zu den Filmprojektionen, in den dafür herkömmlich verdunkelten Räumen, wird der Künstler drei Ausstellungsräume als Warteräume gestalten. Omer Fast selbst verbrachte viel Zeit in Warteräumen, und die daher oft sein Studio erweitert, ja sogar ersetzt haben: die Wartehalle am Flughafen, das Wartezimmer beim Arzt und das der Ausländerbehörde. Als helle alternative Räume, um einige frühere Arbeiten des Künstlers auf Monitoren zu zeigen, und als Ort, an dem Performances und Interventionen für die Ausstellung geplant sind, werden die drei Warteräume ein integraler Bestandteil von »Reden ist nicht immer die Lösung« sein.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau findet im Rahmen des Programms „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter“ statt. „Immersion“ ist ein neues Programm der Berliner Festspiele, das auf drei Jahre angelegt ist. In ihm werden in regelmäßiger Folge künstlerische Arbeiten zur Aufführung und Ausstellung gebracht, denen man nicht mehr gegenüber steht, sondern die man betritt und somit Teil von ihnen wird – als Performance oder Skulptur, Choreografie, Narrative Space oder Virtual Reality Experience.

Seine im Martin-Gropius-Bau zu sehenden Werke im Einzelnen:

CNN Concatenated 2002 (18 Minuten, Monitor, im Loop)

In CNN Concatenated fügt Omer Fast eine große Auswahl an Material des Fernsehsenders CNN zusammen: Männliche und weibliche Sprecher, Reporter und Wetterkommentatoren flimmern über den Bildschirm. Ihre Sätze sind so fragmentiert, dass jeder von ihnen immer nur ein Wort sagen kann, bevor er wieder von der Bildfläche verschwindet. Aus einer Datenbank mit zehntausend Clips sind die Wörter zu schnellen, ruckartig aneinandergereihten Sätzen zusammengestellt, die direkt und sehr persönlich an den Betrachter adressiert sind. Fast begann die Arbeit Ende 2000 und brauchte zwei Jahre bis zur Fertigstellung. Damit ist die Arbeit eine Art Zeitkapsel, die den Wandel der Berichterstattung vor, während und nach dem 11. September 2001 zeigt und dabei mit den übernommenen Nachrichten einen Monolog über Angst und Sehnsucht hält.

Looking Pretty for God (nach G.W.) 2008 (28. Min, Monitor, im Loop)

ist eine nüchterne Dokumentation, in der nordamerikanische Bestatter über ihre Arbeit sprechen. Als Experte für den letzten öffentlichen Auftritt eines Verstorbenen ist der Bestatter gleichzeitig Maskenbildner, plastischer Chirurg, Trauerberater, Eventplaner und Magier in einem. Während die Kamera die großen leeren Bestattungsräume, in denen diese Männer arbeiten, filmt, tauchen manchmal kleine Kinder auf, um uns zu erklären, was wir sehen.

5000 Feet is the Best 2011 (30 Minuten, Ein-Kanal-Videoinstallation, im Loop)

uraufgeführt auf der 52. Venedig Biennale, basiert 5000 Feet is the Best auf Gesprächen mit einem US-Predator-Drohnenpiloten, die in einem Hotel in Las Vegas aufgenommen wurden. Bei laufender Kamera erzählt der Drohnenoperator von den technischen Aspekten seines Jobs und seiner täglichen Routine. Ohne laufende Kamera oder Aufzeichnung beschreibt er kurz einen Vorfall, bei dem das unbemannte Flugzeug auf Kämpfer und Zivilisten schießt. Der Film bewegt sich fließend von einer Dokumentation zu einem Reenactment und schließlich zur Fiktion, indem er die Szenen des Drohnenoperators mit der Kriminalität in und um Las Vegas vermischt.

Continuity 2012 (40 Minuten, Ein-Kanal-Videoinstallation, im Loop),

eine Arbeit, die auch auf der Documenta 13 gezeigt wurde, folgt einem jungen deutschen Soldaten, der nach seinem Wehrdienst aus Afghanistan nach Hause zurückkehrt. Das familiäre Umfeld mit den emotionalen Eltern weicht bald einer Reihe von Anomalien und wird nach und nach pervers und unheimlich. Es bleibt unklar, ob das Paar einen echten Verlust erleiden musste oder ob sie ein obsessives Ritual ausüben, das sie zusammen hält. Insgesamt verbringen drei verschiedene Söhne die Nacht im Haus. Jeder verschwindet auf mysteriöse Weise.

Everything That Rises Must Converge 2013 (4-Kanal-Videoinstallation, 56 Minuten)

zeigt einen Arbeitstag in Los Angeles und verwebt unter Einbeziehung mehrerer Charaktere Dokumentationsmaterial und fiktive Szenen miteinander. Die dokumentarische Komponente folgt vier echten Pornodarstellern in deren Alltag, der bei ihnen Zuhause beginnt, wenn sie aus dem Bett aufstehen, über den Tag hinweg, bis sie schließlich wieder nach Hause kommen und nachts ins Bett gehen. Auf dem gesamten Weg können wir fiktiven Charakteren begegnen, die am Set des Pornodrehs erscheinen: ein Pornoregisseur, der Trauma in Kunst ummünzt, ein Ehepaar, das sich mitten in der Krise befindet, und eine Schauspielerin, die ihre Rolle hinterfragt.

Spring 2016 (44 Minuten, Fünf-Kanal-Videoinstallation, im Loop)

wird auf fünf miteinander verbundenen Monitoren gezeigt – sie ist ein Porträt von zwei jungen deutschen Männern, deren Leben sich gewaltsam kreuzt. Ein Teenager findet einen Weg, um sich etwas Geld zu verdienen, indem er ein Paar mittleren Alters besucht und deren Sohn spielt. Auch ein älterer Callboy wird von dem Paar engagiert, verschwindet aber, nachdem er hier eine Bäckerei besucht. Die Arbeit springt in der Zeit vor und zurück und zeigt Charaktere, die verloren sind und wieder Anschluss suchen, bis sie schließlich ein überraschendes Ende mit zwei verschiedenen Perspektiven erreicht. Spring ist ein Begleitwerk zu Fasts früherem Film Continuity (2012), der auch in der Ausstellung gezeigt wird.

August 2016

Ausgangspunkt des in 3D aufgenommenen neuen Projektes sind Leben und Werk des bekannten Kölner Fotografen August Sander (1876-1964). In surrealen Traumsequenzen wird der Künstler am Ende seines Lebens vom Tod seines Sohnes und seiner fotografierten Figuren heimgesucht.

Zusätzlich zu den Filmprojektionen, in den dafür herkömmlich verdunkelten Räumen, wird der Künstler drei Ausstellungsräume als Warteräume gestalten. Omer Fast selbst verbrachte viel Zeit in Warteräumen, die daher oft sein Studio erweitert, ja sogar ersetzt haben: die Wartehalle am Flughafen, das Wartezimmer beim Arzt und das der Ausländerbehörde. Gedacht als Wartebereich für erschöpfte Ausstellungsbesucher, als helle alternative Räume, um einige frühere Arbeiten des Künstlers auf Monitoren zu zeigen, und als Ort, an dem Performances und Interventionen für die Ausstellung geplant sind, werden die drei Warteräume ein integraler Bestandteil von »Reden ist nicht immer die Lösung« sein.


Omer Fast

wurde 1972 in Jerusalem geboren und wuchs in Jerusalem und New York auf. Seine international gefeierten mehrkanaligen Videoinstallationen verwischen die Grenze zwischen Dokumentation, Inszenierung und Fantasie. Fast verankert seine Erzählungen oft in einer Unterhaltung zwischen zwei Leuten – sei es, dass Personen ihre eigenen Geschichten nacherzählen, oder Schauspieler die Rollen von Interviewer und Interviewtem spielen. Während sich die Spannung der Dialoge zuspitzt, entstehen so Portraits fein nachgezeichneter Identitäten. Durch Wiederholung und Rekonstruktion bilden verschiedene Einstellungen derselben Szenen unterschiedliche Facetten ihrer jeweiligen Interpretation aus, während eine Geschichte erzählt, nacherzählt und mythologisiert wird.

Geschichten von Ursprung, Trauma und Verlangen verwandeln sich ineinander und formen Mischgenres, die unsere Erwartungen ebenso verwirren wie sie die Konventionen des Erzählens durchbrechen. In den Raum projiziert oder sich gleichzeitig auf mehreren Bildschirmen entfaltend lebt das Werk von Charakteren – sei es ein Dronenpilot, ein Pornofilmindustrieangestellter oder eine Frau, die zu ihrem Ehemann spricht – die die grundlegenden Komplikationen und Missverhältnisse ihrer eigenen Identität auszudrücken scheinen.

Omer Fast hat seinen BA/BFA an der Tufts University/School of the Museum of Fine Arts (1995) gemacht, und seinen MFA am Hunter College (2000).

Unter den Ehrungen, die er erhielt, ist der Preis der Nationalgalerie für junge Kunst (2009), der Bucksbaum Award (2008), und der Louis Comfort Tiffany Foundation Prize (2003). Der vom MUMOK in Auftrag gegebene und 2007 in der MUMOK Factory erstmals museal präsentierte Film „The Casting“ von Omer Fast wurde mit einem der höchstdotierten internationalen Kunstpreise ausgezeichnet: Im Rahmen der renommierten Whitney Biennale 2008 des New Yorker Whitney Museum of American Art konnte der junge in Berlin lebende Künstler Omer Fast den mit $100.000 dotierten Preis unter 81 auf der Biennale teilnehmenden Künstlern für seine Arbeit entscheiden.

VIDEO | The Casting (2007)
| 2008 Whitney Bienniale: Omer Fast – Whitney Museum
| mit Ausschnitten aus „The Casting“, 4-Kanal-Video von Omer Fast

Mit der 14-minütigen 4-Kanal-Videoinstallation ( die 2016 nicht in Berlin gezeigt wird ) geht Fast der Verwandlung von Erfahrungen in Erinnerungen nach und analysiert, wie daraus Geschichten entstehen. Grundlage für die Arbeit ist ein Interview mit einem jungen US Army Sergeant, die Geschichte einer Verabredung mit einem deutschen Mädchen während seiner Stationierung in Bayern und jene eines irrtümlichen Anschlags auf Zivilisten während seines Irak-Einsatzes erzählt.

Fast stellte die Erinnerungen filmisch als „eingefrorene“ Bilder nach, um sie in einem Spiel mit der Vorstellung von Vergangenheit und Gegenwart, dem authentischen Ereignis und der nachträglichen Inszenierung, ineinander verschwimmen zu lassen (MUMOK). Die Vermischung der zwei zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefundenen Gespräche des Künstlers mit dem Soldaten wird durch eine grobe Schnittfolge offensichtlich und entzieht dem Gezeigten jegliche Grundlage von Authentizität und Wahrheit. Die Arbeit schafft mühelos ein verwirrendes Geflecht aus Dokumentation und Narration, Erinnerung und Phantasie oder Realität und Fiktion.

Wichtige Ausstellungen seiner Werke waren zu sehen im Rose Art Museum (2013), im Imperial War Museum, London (2013), im Moderna Museet, Stockholm (2013), im Musée d’Art Contemporain, Montréal (2013), im Power Plant (2012), im Dallas Museum of Art (2012), im Wexner Center for the Arts (2012), in Kassel auf der Documenta (2012), auf der Biennale von Taipei (2012), auf der Biennale von Venedig (2011), auf der Singapur Biennale (2011), im Cleveland Museum of Art (2010), im Berkeley Art Museum (2009), im Whitney Museum of American Art (2009), im Indianapolis Museum of Art (2009), auf der Performa (2009), auf der Liverpool Biennale (2008), auf der Whitney Biennial (2008, 2002), im Museum Moderner Kunst, Wien (2007), im Carnegie Museum (2005), in der Pinakothek der Moderne, München (2004), und im Frankfurter Kunstverein (2003).

Omer Fast lebt und arbeitet in Berlin.


REMAINDER

[ 2015 / Ein Film von Omer Fast ]

Der erste Spielfilm des weltweit renommierten Videokünstlers Omer Fast, nach dem internationalen Bestseller von Tom McCarthy (deutscher Romantitel: 8 1/2 MILLIONEN). Die Hauptrolle spielt Tom Sturridge (BEING JULIA, RADIO ROCK REVOLUTION, ON THE ROAD), zum Team gehörten der Emmy-prämierte Kameramann Lukas Strebel, Andrew Bird (u.a. Deutscher Filmpreis: Bester Schnitt für Fatih Akins AUF DER ANDEREN SEITE) und der mehrfache BAFTA-Preisträger Adrian Smith (Szenenbild).

Ein großer, schwerer, unförmiger Gegenstand durchschlägt das Glasdach des urbanen Atriums und trifft einen jungen Mann. Als Tom aus dem Koma erwacht, hat er das Gedächtnis verloren. Alles was bleibt, sind die achteinhalb Millionen Pfund Entschädigung, mit der sich die Bank, die offenbar die Verantwortung für den Unfall trägt, das Stillschweigen des Opfers erkauft hat – und ein paar fragmentarische Erinnerungsfetzen: Ein Haus; eine Frau, die Rinderleber brät; die fernen Töne einer Klavierfuge: ein kleiner Junge im blau-roten Anorak, der oben im Treppenhaus steht und die Hand mit einer Münze darin ausstreckt.

Tom versucht seine Vergangenheit, seine Identität, sein gelebtes Leben aufzuspüren.

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DVD |  Omer Fast – Remainder

Format: Dolby, PAL, Widescreen
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bildseitenformat: 2.39:1
Anzahl Disks: 1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Indigo
Produktionsjahr: 2015
Spieldauer: 104 Minuten

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Wie die unendliche Schleife eines Möbiusbands beginnt und endet REMAINDER im selben Moment. Darin liegt der Ausschnitt eines Lebens: Nachdem er sein Gedächtnis bei einem schweren Unfall verloren hat, versucht ein junger Mann, sich selbst zu verstehen, indem er in seine bruchstückhafte Erinnerung eintaucht. Die achteinhalb Millionen Pfund Schadensersatz, die er unter der Maßgabe des Stillschweigens erhalten hat, ermöglichen es ihm, sich immer obsessiver eine Welt und eine Identität zusammenzubauen, in der sich die mögliche Vergangenheit in der Gegenwart realisiert.

Surreal anmutender, psychologischer Thriller nach dem gleichnamigen Roman von Tom McCarthy.


 

Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstraße 7,
10963 Berlin

Öffnungszeiten
MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen

An den Feiertagen geöffnet,
24. und 31.12. geschlossen

Eintritt: € 11

 

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