Das Lenbachhaus zeigte 2008 als Premiere den siebten Film von Sarah Morris. Im Mittelpunkt ihres 1972-Films steht ein Interview mit Georg Sieber, dem Chefpsychologen des damaligen Sicherheitsdienstes, über die Tragödie der Geiselnahme von München und das Verhältnis von Vorhersagen und Planungen und den dabei möglichen Fehlern.
Sieber hatte den Auftrag, theoretische Gefahrenkonstellationen zu entwerfen. Von den mehr als 60 erstellten möglichen Szenarien traf eine tatsächlich ein, aber man nahm damals Sieber nicht ernst und er trat nach den Spielen zurück.
„Für mich waren und sind die [Olympia-]Architektur von Behnisch und das Erscheinungsbild, das Otl Aicher den Spielen gab, absolut phantastisch. Es war der Versuch, etwas optimistisch zu gestalten, der dann leider von der Wirklichkeit zerschlagen wurde.“ [ Sarah Morris ]
„Kein Dokumentarfilm mit dem Willen zur Objektivität. Sondern ein Kunstwerk. Und doch bleibt die Frage, wie es dabei um die Wahrheit steht. Für Kurator Matthias Mühling, der den Film mit einem sehr konzentrierten und klugen kleinen Buch begleitet, ist das eine der komplexen Ebenen dieses Kunstwerks.“ [ Wilhelm Warning für Deutschlandradio Kultur ]
VIDEO | Sarah Morris 1972 [ Ausschnitt ] Official excerpt from the Sarah Morris film.
Es ist der zweite Film (nach /Robert Towne/, 2005), bei dem Morris nicht mehr das panoramatische Bild einer Stadt, sondern das Porträt eines Bürgers in den Mittelpunkt stellt.
Der Bürger Georg Sieber war 1972 der leitende Psychologe des Ordnungsdienstes bei der Olympiade und der Münchner Polizei. Am Morgen des 5. September 1972, als Mitglieder der Terrorgruppe Schwarzer September die israelische Mannschaft angriffen und als Geiseln nahmen, war Georg Sieber in der Conollystraße anwesend. Seine Position gab er später an diesem Morgen auf.
Georg Sieber
war vom Internationalen Olympischen Komitee und der Münchner Polizei angestellt worden, um Szenarien zu entwerfen, wie die Olympischen Spiele gefährdet werden könnten, und die Sicherheitsdienste entsprechend vorzubereiten. Eines der von ihm erstellten Szenarien, dasjenige mit der Nummer 26, war eine nahezu exakte Vorhersage dessen, was sich dann tragischer Weise ereignete. Georg Sieber entwirft eine differenzierte Analyse der Ereignisse dieses Tages.
In der Montage von /1972 / verknüpft Sarah Morris das Interview mit Georg Sieber mit Bildern polizeilicher Überwachung von Demonstranten und archivierter Fotografien der Olympischen Sommerspiele von 1972 sowie mit Ansichten des eindrucksvollen Olympiaparks in München. Der Film, auf 35 mm gedreht, verhandelt das Verhältnis von Projektion und Planung und dessen möglichem Fehlen an einem konkreten historischen Beispiel. Er zeigt eine subjektive Sicht auf die Ereignisse von 1972, die sich ästhetisch wie inhaltlich von den gängigen Darstellungen unterscheidet.
KATALOG | SARAH MORRIS. 1972
mit einem Essay von Diedrich Diederichsen, hrsg. von Matthias Mühling. München 2008. 80 Seiten 32 farbige ganz- bzw. doppelseit. Abb., brosch. – Text in dt. & engl. Sprache.
Sarah Morris ist seit Mitte der 1990er Jahre international für ihre komplexen abstrakten Gemälde und ihre Filme bekannt, die aus der genauen Beobachtung von Architektur und Psychologie der städtischen Umgebung entstehen.
In den Gemälden verwendet sie Farben und Geometrien, die sie sowohl mit dem spezifischen ästhetischen Vokabular und der Farbpalette einer Stadt, als auch mit deren Charakter und Geschichte verbindet.
Die Filme von Sarah Morris sind gleichzeitig als Dokumentation und Biographie einer Stadt aber auch als nicht-narrative Fiktion zu verstehen. Sie verhandeln kritisch die Bedeutung von Architektur, politischer Herrschaft und die ästhetische Spannung zwischen Ökonomie und Politik.
Die Münchner Spiele der XX. Sommer Olympiade 1972 sollten der Welt ein neues, demokratisches und optimistisches Bild von Deutschland zeigen, wie es sowohl im offiziellen Motto der „heiteren Spiele“ als auch im visionären und farbenprächtigen Design von Behnisch und Aicher zum Ausdruck kam. Die Berichterstattung über das Scheitern von 1972 verhalf dem Terrorismus auf die Weltbühne und veränderte sichtbar dessen Rolle in den Medien.
PRESSESCHAU
Von verschwundenen Akten und wiedergekehrten Erinnerungen
Der Film „1972“ enthüllt neue Informationen über das Olympia-Attentat in München.Die Sensation ist für jedermann zu sehen; doch niemand hat es bislang bemerkt. Der jetzt gedrehte Film „1972“ der international renommierten Künstlerin und Filmerin Sarah Morris konterkariert alles, was bislang veröffentlicht wurde über den gescheiterten Versuch, die israelischen Geiseln während der Olympischen Spiele zu befreien. Erstmals benennt nämlich der damalige Polizeipsychologe Georg Sieber, wer die wahren Verantwortlichen für das Scheitern und damit für den Tod der neun Geiseln und eines Polizisten gewesen seien: Sicherheitskräfte in Israel.
Auf Anfrage von Telepolis meint Sieber zur Frage, warum all die Jahre deutsche Politiker und Beamte geschwiegen und sich als Deppen vom Dienst hätten darstellen lassen: „Ich gehe davon aus, dass diese Verschwiegenheit zu diesbezüglichen diplomatischen Vereinbarungen mit der israelischen Regierung gehörte und noch immer gehört.“
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