Moskauer Konzeptkunst

Die Ausstellung „Die Totale Aufklärung. Moskauer Konzeptkunst 1960—1990“ bietet bis zum 14. September 2008 einen umfassenden Überblick über die Konzeptkunst im spät- und postsowjetischen Russland.

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Die Kunst des Moskauer Konzeptualismus entstand bereits Ende der 1960er Jahre, wobei in den Aktionen, Installationen und Texten der Moskauer Konzeptualisten die Bilderwelten der sowjetischen Ideologie kritisch reflektiert wurden. Da das Kunstleben in der Sowjetunion einer strengen ideologischen Zensur unterstand, wurden die Aktivitäten der Künstlergruppe als eine Art politischer Provokation empfunden, eignete sie sich doch das Privileg der Interpretation von Kunst und Gesellschaft an, das allein der Kommunistischen Partei zustehen sollte. Die Ausstellung präsentiert rund 130 Werke von 30 Künstlern.

KÜNSTLERLISTE: Juri Albert, Sergei Anufriev, Grisha Bruskin, Erik Bulatov, Ivan Chuikov, Elena Elagina, Andrei Filippov, Ilya Kabakov, Georgy Kizevalter, Kollektive Aktionen, Komar & Melamid, Alexander Kosolapov, Juri Leiderman, Igor Makarevich, Medizinische Hermeneutik, Boris Mikhailov, Andrei Monastyrski, Nikolai Panitkov, Pavel Pepperstein, Victor Pivovarov, Dmitri Prigov, Lew Rubinstein, Leonid Sokov, Vadim Zakharov.

In der russischen kunstinteressierten Öffentlichkeit gilt der Moskauer Konzeptualismus als wichtigste russische Kunstbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er ist eine geschlossene, relativ klar definierte, sich von der übrigen russischen Kunst bewusst abgrenzende Bewegung, die über ihre eigene, für den russischen Betrachter leicht identifizierbare Ästhetik und sogar über eine quasi-institutionelle innere Organisation verfügt. Im Westen dagegen blieb eine kunsthistorische Einordnung der Gruppe im Rahmen einer Ausstellung bisher jedoch aus.

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Pressetext Schirn Frankfurt

Der Moskauer Konzeptualismus entwickelte sich innerhalb der unabhängigen, inoffiziellen Moskauer Kunstszene der 1960er, 1970er und 1980er Jahre. Diese Szene entstand fast unmittelbar nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 in größeren Städten der Sowjetunion. Sie wurde von den zuständigen Behörden zwar toleriert, war aber vom offiziellen Ausstellungsbetrieb sowie von den staatlich kontrollierten Massenmedien fast vollkommen abgeschnitten. Der Name „Moskauer Konzeptualismus“ verweist einerseits auf die Moskauer Untergrundszene und andererseits auf die westliche, vor allem angloamerikanische Konzeptkunst der 1960er Jahre — auf die künstlerische Praxis der Gruppe „Art and Language“ und diejenige von Joseph Kosuth — die den Moskauer Konzeptualisten dank der westlichen Zeitschriften und Kataloge, die damals nach Moskau gelangten, wohlbekannt war. Doch hat diese Praxis in Moskau eine grundlegende Transformation erfahren. Das Adjektiv „Moskauer“ ist also eher Programm als bloße Ortsangabe.

Sie verdankt ihren Namen einem Essay von Boris Groys aus dem Jahr 1974, in dem er das besondere Verhältnis einiger Moskauer Künstler zur russischen Tradition als Unterscheidungsmerkmal zu westlichen Vorbildern kennzeichnet. Beginnend Ende der 1960er-Jahre operiert die Moskauer Konzeptkunst parallel zur westlichen und spiegelt dabei die existenzielle Erfahrung wider, Teil eines politischen Konzeptes zu sein. In radikaler Abkehr vom romantischen Bild des autonom agierenden Künstlergenies wird der Betrachter mit einbezogen, werden Prozesse der Herstellung und Bedingungen der Rezeption sichtbar gemacht. Der Band zeigt Schlüsselwerke und die bedeutendsten künstlerischen Positionen anhand von Malerei, Zeichnung, Fotografie und Installationen.

Die totale Aufklärung. Moskauer Konzeptkunst 1960-1990

KATALOG

„Die totale Aufklärung.
Moskauer Konzeptkunst 1960—1990“.

Deutsch, Englisch
424 Seiten,
226 Abb., davon 145 farbig
16,80 x 23,60 cm
Halbleinen

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Die umfassende Publikation widmet sich der im Westen immer noch wenig bekannten konzeptuellen Strömung in der Kunst des spät- und postsowjetischen Russlands.

Die sowjetische Kultur war einheitlich — und sie war ausschließlich institutionell geprägt. Die alltägliche Massenkultur war genauso zentralistisch, bürokratisch und institutionell verwaltet wie die Hochkultur — und wurde im Grunde nach den gleichen ideologisch korrekten Kriterien bewertet, anerkannt und verbreitet. Daher spielte der offizielle Diskurs darüber, was Kunst ist, in allen Bereichen der sowjetischen Kultur eine alles bestimmende Rolle. Das Hauptverfahren des Moskauer Konzeptualismus bestand darin, diesen offiziellen Diskurs privat, ironisch, profan zu benutzen, zu variieren und zu analysieren. In diesem Sinne praktizierte der Moskauer Konzeptualismus Aufklärung — und zwar totale Aufklärung.

Dabei benutzten die Künstler der ersten Generation des Moskauer Konzeptualismus der 1960er und 1970er Jahre wie Ilya Kabakov, Vitali Komar und Alexander Melamid, Dmitri Prigov oder Lew Rubinstein vor allem die Sprache des „einfachen sowjetischen Menschen“. Die sorgsam ausgewählten und hundertmal zensierten Formulierungen der offiziellen sowjetischen Ideologie wurden durch ihren alltäglichen, „unkultivierten“ Gebrauch unweigerlich beschädigt und deplatziert und dabei mit allen erdenklichen rein privaten und unausgegorenen Meinungen vermischt. Vor allem Ilya Kabakov und Dmitri Prigov schöpften in ihren Kommentaren zur eigenen und fremden Kunst reichlich aus diesem Fundus des alltäglichen unkultivierten Theoretisierens, und dies oft auf höchst unterhaltsame Weise. Man kann sagen, dass der Moskauer Konzeptualismus die diskursive Massenkultur seiner Zeit zu seinem Gegenstand gemacht hat. Er war auf der einen Seite in der Tat eine Art Konzeptkunst. Aber noch viel mehr war er eine Art diskursiver Pop Art.

 

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