SANTIAGO SIERRA – Und die Menschenrechte?

Sammlung Falckenberg, Phoenix-Hallen, Hamburg-Harburg | bis 19. Januar 2014

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Jorge Galindo, Santiago Sierra - LOS ENCARGADOS (Die Beauftragten) 2013

Die Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg zeigen in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Tübingen vom 7. September 2013 bis zum 19. Januar 2014 in den Harburger Phoenix-Hallen den bislang größten retrospektiven Überblick über das skulpturale, fotografische und filmische Werk des spanischen Künstlers Santiago Sierra (*1966 in Madrid).

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Die Hamburger Ausstellung wurde von Dirk Luckow in verändertem Zuschnitt kuratiert und umfasst 72 Arbeiten. Der spanische Künstler Santiago Sierra bringt mit seinen Arbeiten die strukturelle Gewalt politischer und wirtschaftlicher Systeme drastisch zur Anschauung.

Seitdem Santiago Sierra Ende der 1980er Jahre in Hamburg studiert hat, eilt ihm der Ruf des Skandalösen voraus. Dabei macht Santiago Sierra mit seinen Arbeiten doch nur die strukturellen Mächte und deren Gewaltausübung sichtbar. Weil er in diese Strukturen interveniert, kann er aufzeigen, wie Ausbeutung und Marginalisierung funktionieren. Dabei bildet Santiago Sierra die Realität nicht einfach nur ab, sondern macht sie erfahrbar, am eigenen Leib spürbar.

Santiago Sierra ist für seine drastischen Performances weltweit bekannt: Er ließ politische Flüchtlinge gegen einen Mindestlohn stundenlang einen einseitig an der Wand befestigten Balken aus Holz und Teerpappe stützen; er stellte 21 rechteckige Module aus menschlichen Fäkalien,welche von indischen Latrinenreinigern hergestellt wurden, in der Londoner Lisson Gallery aus; er veranlasste die Befüllung des Erdgeschosses des Ausstellungshauses der Kestnergesellschaft mit 320 m3 schlammigen Material; er ließ Arbeiter stundenlang an einem Holzbalken angebunden verharren und er warf das aus einer Futtermischung nachgeformte Griechenlandmodell Schweinen zum Fraß vor. Der in Madrid lebende Spanier hat es sich zur Aufgabe gemacht, die strukturelle Gewalt politischer und wirtschaftlicher Systeme schmerzhaft deutlich zur Anschauung zu bringen.

Und die Menschenrechte?
Der Londoner „Guardian“ wird vermutlich recht damit haben, wenn er in einem Artikel zu Beginn des letzten Jahres davon spricht, dass der große Schock der Arbeiten Santiago Sierras wohl weniger darin zu sehen ist, dass er etwa einige Junkies im Tausch für einen Schuss tätowiert hat, als vielmehr in jenen kleinen Wahrnehmungsverschiebungen, die uns drastisch vor Augen führen, dass uns letztlich der Horror der alltäglichen Menschenrechtsverletzungen völlig kalt lässt.

Es gibt wohl kaum einen europäischen Künstler, an dessen Werken sich die Gemüter mehr erhitzen, kaum ein Werk, das mehr Widerspruch hervorruft. Mit seinen Arbeiten thematisiert Sierra die strukturelle Gewalt politischer und wirtschaftlicher Systeme. Für sein Werk »250 cm line tattooed on 6 paid people« ließen sich sechs nebeneinander stehenden jungen Kubanerern , die sich für 30 Dollar eine durchgehende Linie auf den Rücken tätowieren; 2003 ließ er den Eingang des spanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig bis auf eine kleine Öffnung zumauern und gewährte nur den Inhabern spanischer Pässe Zutritt; in einer sehr umstrittenen Aktion in Deutschland leitete er in eine Synagoge in Stommeln Autoabgasen und verwandelte diese in eine Todeskammer; er ließ Menschen gegen geringes Entgelt Arbeiter stundenlang in Pappkartons verharren, eine umkippende Wand stützen oder öffentlich masturbieren.

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Santiago Sierra - Synagoge [ Katalog ]

Sierra konfrontiert die Betrachter mit einer äußeren Wirklichkeit, in der ökonomische Ausbeutung, Billiglöhne, Sich-Prostituieren oder das Verdrängen der Vergangenheit an der Tagesordnung sind: »Meine Arbeit ergreift Partei für das vom Kapitalismus zerstörte Leben. Und Kapitalismus ist für mich die ökonomische Spielart des Sadismus.« Sierra führt mit seiner Kunst einen Angriff nicht nur gegen ungerechte Verteilung des Reichtums und unmenschliche Arbeitsbedingungen, sondern kritisiert mit ihr vor allem das innerhalb der kapitalistischen Gesellschaften dominierende positive Image von Arbeit.

Er bilde in seinen Werken nicht seine Wünsche, sondern die Realität ab — diese Äußerung Santiago Sierras steht eigentlich in krassem Widerspruch zur minimalistischen Abstraktion und Reduktion, die viele seiner Arbeiten formal kennzeichnet. Andererseits bekennt sich der spanische Künstler mit dieser Aussage zur »objektiven Form« als vorrangigem Ziel der Minimalisten.

Die Ausstellung der Deichtorhallen Hamburg in der Sammlung Falckenberg in Harburg unterstreichen diese formalen Qualitäten seiner Werke. Gezeigt werden neben Sierras Skulpturen auch Fotografien, filmische Werke, Installationen und Objekte. Ergänzt wird die Ausstellungen durch einen »Memorabilia«- Raum, in dem Plakate, Einladungskarten, Dokumente, aber auch Skizzen zu Aktionen und Konstruktionen aus über zwei Jahrzehnten zu sehen sind.
Santiago Sierra Skulptur, Fotografie, Film

 

KATALOG | SANTIAGO SIERRA – Skulptur, Fotografie, Film

Mit einem Vorwort von Daniel Schreiber und Dirk Luckow sowie Texten von Miriam Schoofs, Carlos Jiménez und Juan Albáran.

174 Seiten,
Leinenband mit Titel- und Rückenprägungen,
Schutzumschlag, gebunden,
400 Abbildungen in Duotone
30 x 23,6 x 2,6 cm,
deutsch/englisch.

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Das umfangreiche Buch zur retrospektiven Ausstellung unzähliger skulpturaler Relikte der Performances in Tübingen und Hamburg ist vom Künstler selbst zusammengestellt worden und bietet einen ausführlichen und aktuellen Überblick zum Werk Santiago Sierras.

Die Ausstellung in der Sammlung Falckenberg lässt Sierras Entwicklung in der Auseinandersetzung unter anderem mit dem Minimalismus und der Konzeptkunst nachvollziehbar werden. Dabei sind die meisten seiner Werke Relikte von Performances; Zeichnungen etwa werden gar nicht um ihrer selbst willen gehängt. Sierras Werk ist von klaren Regieansagen bestimmt. Das beginnt bei der fotografischen oder filmischen Dokumentation, die ohne eigentliche fotografische oder filmische Ästhetik ist. Sierras großformatige, schwarz-weiße Fotografien sind oft grobkörnig und dokumentieren seine in der Regel öffentlichen Performances. Mit Künstlern wie Joseph Beuys, Richard Serra oder Franz Erhard Walther verbindet Sierra zudem die skulpturale Ästhetik.

Darüber hinaus besteht eine enge Beziehung zwischen Santiago Sierra und der Stadt Hamburg. Nicht nur, dass sich wichtige fotografische Werke Sierras im Besitz der Sammlung Falckenberg befinden, vor allem seine Zeit an der Hochschule für bildende Künste war prägend für ihn. Sierra besuchte dort Anfang der 1990er Jahre die Klassen von Franz Erhard Walther, Bernhard Blume und Stanley Brouwn. Hier insbesondere liegen seine künstlerischen Wurzeln. »Was für andere Künstler die Sixtinischer Kappelle bedeutete, war für Santiago Sierra der Hamburger Hafen«, sagt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen. Erstmals sind hier frühe Fotografien Sierras aus der Hamburger Zeit zu sehen (Schutt- und Aschehalden). Die frühen skulpturalen Arbeiten Sierras, die z.T. noch während seines Studiums in Hamburg entstanden, sollen in einzelnen Fällen rekonstruiert oder fotografisch dokumentiert werden, beispielsweise minimalistisch anmutende Kuben aus LKW-Planen.

Seit seinem aufsehenerregenden Beitrag zur Biennale von Venedig 2003 ist Sierras Bekanntheitsgrad enorm gestiegen. Als einer der renommiertesten Künstler Spaniens sollte er 2010 den mit 30.000 Euro dotierten Spanischen Nationalpreis für bildende Künste, den Premio Nacional de Artes Plásticas de España, erhalten. Doch Sierra lehnte ab und erklärte, er wolle sich nicht vom Staat instrumentalisieren lassen.

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Der spanische Künstler Santiago Sierra ist einer der radikalsten lebenden Künstler. Er hasst das System und die Arbeit, die für ihn Ausbeutung und Prostitution bedeuten; er liebt die Konfrontation und die Provokation. Seine Kunst kritisiert den Kapitalismus und das Kunstgeschäft (arte 2006).

VIDEO | Santiago Sierra [ via Art Safari ]

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LOS ENCARGADOS (Die Beauftragten)

“When the government violates the rights of the people, insurrection is for the people and for each portion of the people the most sacred of rights and the most indispensable of duties.”

Declaration of Rights of Man and Citizen [ Paris, 23rd of June, 1793 ]

VIDEO | Jorge Galindo und Santiago Sierra – LOS ENCARGADOS (Die Beauftragten)

Ihr Projekt „Los encargados“ (Die Beauftragten) bezieht sich auf den König und die sechs Regierungschefs Spaniens nach dem Tod des Diktators Franco. Ihre These: Sie hätten die Interessen der rechten Diktatur fortgeführt und das Land in die tiefe Wirtschaftskrise gestürzt, die heute sogar Todesopfer fordert.
Die um sich greifende Verarmung habe viele Menschen auf die Straße und einige sogar in den Selbstmord getrieben, als sie ihre Hypotheken nicht abzahlen konnten und die Gerichtsvollzieher ihre Wohnungen räumen ließen.

Sierra und Galindo wollen mit ihrer Aktion dem Unmut des Volkes Rechnung tragen. Als Motto dient ihnen ein Grundsatz aus der Verfassung der ersten Französischen Republik von 1793: „Verletzt die Regierung die Rechte des Volkes, ist der Aufstand für das Volk und für jede Gruppe des Volkes die heiligste und unbedingte Verpflichtung.“
[ CLEMENTINE KÜGLER für FAZ ]

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VIDEO | TateShots Issue 13 – Santiago Sierra

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CMX 04

17.11.2011—01.01.2012 | Galeria Helga de Alvear, Madrid

Drei Kopierer spucken nonstop Seiten auf denen ein verschlüsselter Code steht: CMX-04. Kopien dessen, was wenige Stunden später wirklich geschah. Der Code bezieht sich auf eine Anti-Terror-Übung der NATO. Kurz nach Beendigung der Übung passierte in Madrid der Terroranschlag auf einen Nahverkehrszug, der exakt dem Szenario des Planspiels entsprach.

Vom 04. bis zum 10. März 2004 fanden in Madrid und anderen europäischen Hauptstädten Übungen der NATO zur Terrorbekämpfung statt. Das Szenario war ein Angriff von Al-Quaida mit 200 Toten und 1000 Verletzten. Nach Beendigung der Manöver wurden am folgenden Tag 191 Arbeiter aus Madrid auf dem Weg zur Arbeit getötet und 1000 verletzt.

Für das Attentat wurde zunächst die ETA, dann eine Gruppe von Hasch-Kleindealern verantwortlich gemacht. Auf die Frage nach einem Zusammenhang zwischen den Übungen und den Bomben in Madrid erklärte der NATO-Generalsekretär Jan de Hoop Scheffer, es handele sich um „einen reinen Zufall“.

Diese Übungen wurden Crisis Management Exercise 2004, kurz CMX 04 genannt.

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Sammlung Falckenberg | Wilstorfer Straße 71 | Phoenix-Hallen / Hamburg-Harburg

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