DIE AFFICHISTEN – Poesie der Großstadt

Schirn Kunsthalle, Frankfurt | bis 25. MAI 2015

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Mimmo Rotella: L’ultimo Kennedy, 1963, Plakatabriss, 89 x 130 cm
Privatsammlung, © VG Bild-Kunst Bonn, 2015

Mit dieser ersten umfassenden Überblicksausstellung seit über 20 Jahren ist die radikale Kunst der Affichisten wieder in Deutschland zu sehen. In 150 Exponaten wird die Kunst des Plakatabrisses in ihrer ganzen Bandbreite vorgestellt.

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Gezeigt werden von kleinen Fragmenten zu überwältigenden Großformaten, von abstrakten Farbformationen bis hin zu Ikonen der Popkultur — ergänzt durch fotografische, filmische und poetische Experimente der beteiligten Künstler: Raymond Hains, Jacques Villeglé, François Dufrêne sowie Mimmo Rotella und Wolf Vostell.

Ob frühe Pop-Künstler, Wegbereiter der Street-Art oder Vermittler einer „natürlichen Poesie“ der Wirklichkeit: In den 1950er-Jahren traten die Affichisten mit einem völlig neuen Begriff des Tafelbildes hervor. Auf Streifzügen durch Paris und Rom sammelten sie Teile der in den Straßen der Stadt allgegenwärtigen, oft verwitterten und zerfetzten, sich in Schichten überlagernden Plakatwände und erhoben die urbane Alltagswelt selbst zum Gemälde.

Ihr ebenso subversiver wie poetischer Zugriff auf die Wirklichkeit machte sie zu Pionieren eines „Neuen Realismus“.

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Museum Tinguely, Basel | 22. Oktober 2014 - 11. Januar 2015 
Schirn Kunsthalle, Frankfurt | bis 25. MAI 2015

POESIE DER GROSSSTADT. DIE AFFICHISTEN

Pressetext: Schirn Kunsthalle, Frankfurt

Die von der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Museum Tinguely in Basel gemeinsam konzipierte Ausstellung umfasst den Zeitraum zwischen 1946 und 1968 und richtet ein besonderes Augenmerk auf die Entstehung der Kunstströmung und die frühen Phasen im Schaffen der Affichisten.

Katalog - Poesie der Großstadt Die AffichistenKATALOG | Poesie der Großstadt: Die Affichisten

Taschenbuch
Softcover in Fadenheftung
280 Seiten
ca. 170 Abbildungen
Verlag: Snoeck
Sprache: Deutsch / Englisch
24,5 x 3 x 30,4 cm

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Interview von Roland Wetzel mit Jacques Villeglé
Originaltexte von François Dufrêne, Raymond Hains, Mimmo Rotella, Jacques Villeglé, Wolf Vostell
Chronologie der Jahre 1944—1968

Buch und Ausstellung geben einen umfangreichen Blick auf die zwei Dekaden (1948—1968) umfassenden Aktivitäten dieser insbesondere in Frankreich aufgetretenen, wichtigen Nachkriegsavantgarde und erweitern das Spektrum durch einen Blick auf die fotografischen, filmischen und auditiven Werke der wichtigsten Protagonisten wie Raymond Hains, Jacques Villeglé, François Dufrêne, Mimmo Rotella und Wolf Vostell. Darüber hinaus wird deren weiterer spezifischer Hintergrund etwa in Décollage, Aktion oder Happening verfolgt.

Mit dem 2,56 Meter breiten manifestartigen Fries „Ach Alma Manetro“ legten die Franzosen Raymond Hains und Jacques Villeglé1949 nicht nur den Grundstein für die künstlerische Praxis des Plakatabrisses (im Französischen affiche lacérée oder décollage genannt), sondern formulierten zugleich einen neuen Werkbegriff, der davon ausgeht, dass „die Kunst von allen gemacht sei. Nicht von einem.“

Von Anfang an setzte sich der Plakatabriss von der vorherrschenden lyrisch-abstrakten Malerei, wie auch von der Collage und dem Readymade der Vorkriegsavantgarde ab. Dabei stand er in enger Beziehung zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen und Medien, wie der Sprache und Poesie, der Fotografie und dem Film.

Die Ausstellung in der Schirn beleuchtet den besonderen Stellenwert der französischen Affichisten François Dufrêne, Raymond Hains, Jacques Villegléund des Italieners Mimmo Rotella innerhalb der Avantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Der deutsche Künstler Wolf Vostell nimmt in seiner Beziehung zu den Affichisten eine gesonderte Position ein.

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VIDEO | Schirn Ausstellungsfilm

Ob frühe Pop-Künstler, Wegbereiter der Street-Art oder Vermittler einer „natürlichen Poesie“ der Wirklichkeit: In den 1950er Jahren traten die „Affichisten“ mit einem völlig neuen Begriff des Tafelbildes hervor. Auf Streifzügen durch das Paris der Nachkriegszeit erbeuteten sie Teile der in den Straßen der Stadt allgegenwärtigen, oft verwitterten und zerfetzten, sich in Schichten überlagernden Plakatwände und erhoben die urbane Alltagswelt selbst zum Gemälde. Ihr ebenso subversiver wie poetischer Zugriff auf die Wirklichkeit machte sie zu Pionieren eines „Neuen Realismus“.

„Jeder kennt heute Street-Art und ihre prominenten Vertreter weltweit — von Brasilien über die USA bis nach Großbritannien. Doch nur die wenigsten wissen, dass die Affichisten die ersten, echten Wegbereiter der Street-Art sind. Mit der Ausstellung werfen wir einen Blick auf die Straßen von Paris und Rom der 1950er- und 1960er-Jahre und zeigen die radikale wie poetische Auseinandersetzung der Affichisten mit der gesellschaftlichen und politischen Realität der damaligen Zeit“, betont Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Die Kuratorin der Frankfurter Ausstellung, Esther Schlicht, ergänzt: „Die Kunst der Affichisten ist direkt und subversiv. Sie liest sich wie eine Gegengeschichte der Malerei nach 1945 in ihrer Entwicklung von den abstrakten Tendenzen der Nachkriegszeit hin zur Pop Art der 1960er-Jahre. Gerade der mediale und intermediale Charakter der Arbeiten lässt sie dabei heute, 60 Jahre nach ihrem Entstehen, überraschend frisch und unverbraucht erscheinen.“

Die Ausstellung greift fünf zentrale Themen in der Kunst der Affichisten — Abstraktion, Material/Prozess, Lettrismus, Politik und Pop — auf und stellt die Künstler zudem in einzelnen Kabinetten und mit umfangreichem Dokumentationsmaterial, wie historischen Fotografien und Filmen vor.

DIE AFFICHISTEN

wurden auf der ersten „Biennale von Paris“ im Jahr 1959, an der Raymond Hains, Jacques Villegléund François Dufrêne teilnahmen, über Nacht bekannt. Dort provozierten die gezeigten Plakatabrisse heftige Reaktionen. Zusammen mit abstrakten Malern wurden sie in der Sektion zur informellen Malerei präsentiert, obwohl sie diese grundlegend infrage stellten.

Auch wenn die Werke der Affichisten aus den 1950er-Jahren nur vereinzelt figurative Elemente aufweisen, spielte die Typografie der Plakate für die Künstler eine entscheidende Rolle. Ihr Augenmerk richtete sich auf die in den Plakatabrissen generierte Dekomposition von Worten und Buchstaben, auf ihre besondere Poesie und ihren speziellen Klang.

In den 1960er-Jahren fanden auch Plakate politischer Propaganda Eingang in die Werke der Affichisten. Als Chronisten ihrer Zeit hielten sie gesellschaftliche Auseinandersetzungen fest, ohne dabei selbst politisch Position zu beziehen. Durch die Entwicklung des Plakats zum illustrierten Werbeträger der sich rasant entwickelnden Konsum- und Freizeitgesellschaft tauchten Ende der 1950er-Jahre zunehmend Bildmotive auf, die auch das visuelle Repertoire der sich zur gleichen Zeit herausbildenden Pop Art prägten.

Nouveaux Réalistes

„Dufrêne, Hains und Villeglé, später auch Rotella, formierten sich zusammen mit Arman, Yves Klein, Martial Raysse, Daniel Spoerri und Jean Tinguely zu den von Pierre Restany 1960 mittels Manifest begründeten ‚Nouveaux Réalistes‘. Damit ist zwar das künstlerische Feld abgesteckt, das sich um den kleinsten gemeinsamen Nenner, die ‚nouvelles approches perceptives du réel‘ dreht. Doch berücksichtigt diese Zuordnung im Fall der Affichisten nicht, dass sie schon um 1950 wichtige Wegbereiter für ein neues Denken waren, das das erweiterte Feld künstlerischen Handelns und Schaffens um 1960 erst vorbereitete. So ist es auch kein Zufall, dass sich wichtige Ideen für Restanys erstes Manifest der ‚Nouveaux Réalistes‘(1960) aus einem bereits 1958 publizierten Text von Jacques Villeglé, Des réalités collectives, ableiteten. Die Affichisten kamen allerdings erst mit Verzögerung und im Kontext der ‚Nouveaux Réalistes‘ an der 1ère Biennale de Paris 1959 und anschliessend mit Einzelpräsentationen in der Restany nahestehenden Pariser Galerie J zu ihren ersten Ausstellungsgelegenheiten. So war die Formation der ‚Nouveaux Réalistes‘ für die Rezeption und den Erfolg der Affichisten von kaum zu überschätzender Bedeutung.

Herkunft und Entwicklung der fünf vorgestellten Künstler waren, bevor sie sich zu Kollaborationen, gegenseitigen Werk-Widmungen und gemeinsamen Auftritten zusammenfanden, höchst unterschiedlich. Was sie jedoch einte, war ein disziplinenübergreifendes Denken und Wirken: Performatives Handeln, Poesie, Lautmalerei, theatrale Aktion, Happening, Fotografie und Film gewannen durch das Medium der Décollagen und den Prozess des Décollagierens Form. Gleichzeitig wohnt ihren Werken, die vom kleinsten Fragment – kleine Etüden und Studien – bis zum überwältigenden Grossformat reichen, aber auch malerisches und bildhaftes Potential inne, worin Gegenständlichkeit und abstrakte Lesart ebenso selbstverständlich wie zufällig vereint scheinen. François Dufrênes Herkunft als lettristischer und ultra-lettristischer Lautschöpfer, Sprachzersetzer und -aktionist formte die Art seiner Aneignung von Plakaten mittels Sprachspielen – eine teilweise kryptisch-vergegenständlichende Interpretation abstrakter Formfragmente — als auch die Faszination für Zeitlichkeit, den Abdruck und das archäologische Verfahren der Schichtung, wie sie seine herausgeschälten Plakatrückseiten zeigen.

All dieses Material stellt die Metropole in ‚autopoetischer Produktivität‘ dem geneigten Stadtspaziergänger zur Verfügung. Sei es Paris für Dufrêne, Hains, Villeglé, oder auch Vostell, sei es Rom für Rotella. Mimmo Rotella, der durch Bekanntschaft mit Restany zum Kreis der ‚Nouveaux Réalistes‘ stösst, experimentierte seinerseits unabhängig von den anderen Affichisten schon ab 1953 mit Décollagen. Auf noch früher datierte Collagen folgen in formaler Ähnlichkeit erste Décollagen und Rückseiten, die als eigentliche Materialbilder ebenfalls das Thema des Archäologischen behandeln, und die sich auf die besondere Qualität von verwittertem Papier und ihrem rückseitigen Träger richten. Im Gegensatz zu Hains und Villeglégreift Rotella aber auch direkt in die Oberfläche ein, um Strukturen, Muster und Schichtungen offenzulegen. Nach 1960 ändern sich die Gegenstände seiner Plakatabrisse. Nun sind es meist bunt beworbene Produkte der Konsumwelt und Filmplakate, die ihn zentral interessierten. Darin trifft er sich wiederum mit Villeglé, den dieselbe Faszination für die populären Bilder der Werbung beschäftigte. Sie werden damit zu Pionieren der Pop-Art.

Nicht nur im Zusammenhang mit Plakatabrissen, sondern als umfassenden Kunstbegriff verwendet Wolf Vostell den Begriff der ‚Dé-coll/age‘, um Dekonstruktion als schöpferisches Verfahren zu betonen. Plakatabrisse verwendet er in einem seiner ersten Happening, Das Theater ist auf der Strasse von 1958, bei dem das Publikum zur Aktion aufgerufen wurde, Textfragmente zu zitieren oder (fragmentiert) abgebildete Gesten zu imitieren. Aktionistische Elemente der Bearbeitung oder Übermalung (durch das Publikum) ergänzen bei ihm das Verfahren der Auswahl und Aneignung.“
[ via Museum Tinguely, Basel ]

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Raymond Hains (1926—2005) schuf gemeinsam mit Jacques Villeglé1949 den ersten kunstgeschichtlich verbürgten Plakatabriss „Ach Alma Manetro“. Diese erste bedeutende Décollage stand in direktem Zusammenhang mit anderen künstlerischen Experimenten, denen sich Hains und Villeglézeitgleich widmeten.

Ab 1946 hatte Raymond Hains fotografische Experimente mit geriffelten Gläsern unternommen, die er zwischen Kamera und Objekt anbrachte, um kaleidoskopartige Effekte der Verzerrung und Vervielfachung zu erzielen. Damit knüpfte er an surrealistische Bildverfahren und noch frühere experimentelle Fotografien und Filme an. Mit Jacques Villegléerweiterte er dieses Prinzip der visuellen Verfremdung ins Filmische und arbeitete an dem abstrakten Farbfilm „Pénélope“ (ab 1950), ein technisch höchst aufwendiges Unterfangen, das nach vier Jahren obsessiver Arbeit unvollendet blieb und erst Jahre später rekonstruiert wurde.

Für Jacques Villeglé (*1926) ist das Medium des Plakates ein schier unendlicher, sich ständig erneuernder Fundus des Gegenwärtigen. Er entwickelte den für seine Konzeption zentralen Gedanken der anonymen Autorschaft, der in dem Begriff des lacéréanonyme mündete. Eine Kunstfigur, hinter jener der individuelle Künstler wie auch dessen Name bzw. Signatur verschwindet. Dies machte es ihm möglich, sich sämtliche Ausdrucksformen, Themen und „Stile“ der anonym entstandenen Plakatabrisse in seinem Werk anzueignen. Mit enzyklopädischem Anspruch verfolgt Villegléseither die Vision, durch das Sammeln heterogener Zeugnisse der alltäglichen Wirklichkeit ein Bild der Gesellschaft zu schaffen.

Als einer der führenden Vertreter des Lettrismus wandte sich François Dufrêne (1930—1982) relativ spät der bildnerischen Praxis des Plakatabrisses zu, die er durch Arbeiten von Hains und Villeglékennenlernte. Er verwendete nahezu ausschließlich Rückseiten von Plakaten (sogenannte dessous d’affiches), denen er eine besondere poetische Qualität zusprach. Dufrêne verstand sich zeitlebens als Dichter. Seine Arbeiten sind im Gegensatz zu den Werken von Hains und Villegléabstrakt-lyrisch und zeugen von einer archäologischen Suche nach dem Unsichtbaren, Unbewussten, welches durch das Aufdecken und Abtragen verborgener Schichten zutage tritt.

Im Rom der 1950er-Jahre entdeckte Mimmo Rotella (1918—2006) unabhängig von den französischen Affichisten den Plakatabriss als künstlerisches Ausdrucksmittel. Sein facettenreiches Werk reicht von abstrakten Farbformationen über archaisch anmutende Rückseiten bis hin zu späteren Pop-Motiven. Rotella ging es weniger um das Sichtbarmachen vorgefundener Bildwerke als um die Aneignung eines ästhetischen Materials, dem erst der Künstler seine ungeahnten Qualitäten entlockte. Anders als Hains und Villeglégriff Rotella direkt in die Oberfläche ein, um Strukturen, Muster und Schichtungen offenzulegen. Nach 1960 wendete er sich hauptsächlich Plakatmotiven aus der Filmwelt und Werbung zu.

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Wolf Vostell: Coca-Cola, 1961, Plakatabriss auf Hartfaserplatte, 210×310cm
Museum Ludwig, Köln, © VG Bild-Kunst Bonn, 2015
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

In den 1950er-Jahren begann Wolf Vostell (1932—1998) mit den neu entwickelten Formen von Aktion und Happening den Stadtraum zu infiltrieren und übertrug das Konzept der „dé-coll/age“ auf alle Bereiche seines Schaffens. Mit seinem 1958 in Paris konzipierten ersten europäischen Happening „Das Theater ist auf der Straße“ erhob er den Prozess der Décollage zum Thema und forderte Passanten auf, Wortfragmente auf zerrissenen Plakaten zu lesen oder Plakate eigenhändig abzureißen. Während für die französischen Affichisten die zerstörten Plakatflächen Ausdruck eine neuer visuellen Poesie waren, wurden sie für Vostell zum Ausgangspunkt einer entschieden kritischen Auseinandersetzung mit dem Plakat als Medium der modernen Massenkommunikation.

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SCHIRN KUNSTHALLE, Römerberg, 60311 Frankfurt

Öffnungszeiten
Di, Fr—So 10—19 Uhr, Mi und Do 10—22 Uhr
Montag geschlossen

EINTRITT: 9 €, ermäßigt 7 €; Familienticket 18 €;

ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN: Di 17 Uhr, Mi 11 Uhr, Do 19 Uhr, Sa 15 Uhr, So 17 Uhr

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