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Carsten Nicolai | Anti Reflex
November 17, 2008 | Comments Off
KUNSTSCHAU Hamburg | Jens Ullheimer | PT Kunsthalle Hamburg |
In der Kunsthalle Hamburg sind bis zum 07. Dezember 2008 Arbeiten von Carsten Nicolai zu sehen.
In seinen Werken befasst sich Nicolai mit der Visualisierung oder Vertonung scheinbar nicht wahrnehmbarer Bereiche in Kunst, Musik und Wissenschaft. Dabei wirken seine Werke oft wie experimentelle Versuchsanordnungen, deren ästhetische Ausdruckskraft jedoch im Mittelpunkt steht.
Neben seinen Arbeiten mit Videos, Klängen und Bildern macht Nicolai zudem seit vielen Jahren elektronische Musik unter dem Pseudonym alva noto. In der Galerie der Gegenwart werden einige der großen Installationen des Künstlers, wie „magnetic“ (2003) sowie „anti“ und „reflex“ (2004) gezeigt, in denen er akustische und bildliche Illusionen kombiniert.
In seinen Arbeiten wird das Prinzip der Polarität erkennbar: Sichtbares und Unsichtbares, Licht und Dunkel, Positiv und Negativ, wissenschaftliche Labormethoden und metaphysische Weltinterpretationen. Im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart werden nun zwei aufeinander folgende Räume gegenübergestellt:
“reflex” und “anti”.
Der eine Raum ist hell, der andere nahezu dunkel. Zentrales Element des “reflex”-Raums ist eine gleichnamige kuboide Skulptur. Sie besteht aus einer zwölfeckigen, 3 m hohen Box, die an einer Seite offen ist und den Besucher einlädt, den Innenraum zu betreten, wo aus zehn Lautsprechern mit hoher Geschwindigkeit Ton von Hochfrequenz-Weißem-Rauschen zirkuliert und die akustische Illusion erzeugt, dass in den Wänden der Box ein weiteres, dreidimensionales Objekt verborgen ist.
Der zu “reflex” korrespondierende Raum “anti” enthält ebenfalls eine Skulptur - ein gleichförmiges schwarzes Pendant, das im Gegensatz zur Ersteren nicht betreten werden kann. Über eingebaute Theremin Module und Klangmodule gibt “anti” tiefe Frequenzen von sich, die nicht gehört, sondern nur gespürt und vom Besucher durch Berührung verändert werden können. Formal bezieht sich die Skulptur auf eine geometrische Form aus Albrecht Dürers Stich „Melancholia I“ und greift somit neoplatonische mathematische und geometrische Konzepte der Renaissance auf, die sie mit der zeitgenössischen Diskussion über akustische Dimensionen der Architektur verbindet.
Hinzu kommen mit den Werken telefunken (2000 / 2005), magnetic static (2003) und portrait ombre (2006) drei Wandbilder, in denen Nicolai mit akustischen Signalen und Magnetbändern - integriert in eine minimalistische Bildoberfläche - die Grenzen zwischen den Bereichen des Auditiven und Visuellen auflöst.
Carsten Nicolai. Anti Reflex
| Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart
| bis 7. Dezember 2008
INTERNET-SPECIAL ZUR AUSSTELLUNG ” Anti Reflex ” 2005
in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
Technoide audio-visuelle Präsentation (flash)
www.antireflex.de
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Ausstellungskatalog 2005 | Schirn Kunsthalle, Frankfurt
Taschenbuch, 200 Seiten, Sprache: Englisch, Deutsch
29 x 24,2 x 1,8 cm, Magnetton-Leseband,
Siebdruck auf Cover
| ansehen [ pdf - 8.4MB ]
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Carsten Nicolai
Nach Ausstellungen in der Neuen Nationalgalerie Berlin (1994), der New York Kunsthalle (1996) und dem Watari Museum of Contemporary Art in Tokyo (2002) sowie Teilnahmen an internationalen Gruppenausstellungen wie der documenta (1997 | Dort gab Nicolai 72 kurze Audio-Stücke aus Telefon-, Fax- und anderen Signalen im öffentlichen Raum wieder, spielte sie in Kaufhäusern und am Bahnhof ab und ließ sie sogar unkommentiert im lokalen Radio ausstrahlen) und der Biennale in Venedig (2001, 2003) präsentierte die Frankfurter Schirn in 2005 mit “Anti Reflex” die bisher größte Überblicksausstellung von Carsten Nicolai.

Als Musiker, Produzent und Veranstalter hat Carsten Nicolai alias „noto“ alias „alva noto“ bei bedeutenden Festivals wie dem Sonar-Festival (Barcelona 1997), der ars electronica (Linz 1997, 2000 prix ars electronica für digitale Musik) oder der transmediale (Berlin 2000) mitgewirkt. Sein 1994 gegründetes Label „noton“ fusionierte 2000 mit dem Chemnitzer Label „Rastermusic“ von Olaf Bender und Frank Bretschneider zu „raster-noton“ und ist heute eine der wichtigsten Plattformen für Minimal Electronic Music. Durch konsequente Licht-Klang-Vernetzung verbindet die Labelstruktur von „raster-noton“ das Visuelle mit dem Akustischen.
AUDIO alva noto - u_08-1 aus “Unitxt” [ US-Import ] 2008
Das Nebeneinander des Akustischen und Visuellen ist ein ständig wiederkehrendes Thema im Werk Carsten Nicolais. Der Tradition Ernst Chladnis (1756–1827), des Begründers der modernen Akustik, folgend, versucht Nicolai, unterschiedliche Sinnesempfindungen miteinander zu verknüpfen. In wiederholten Versuchsanordnungen werden beispielsweise Flüssigkeiten mit Tonsignalen verschiedener Frequenzen animiert, sodass Wellen entstehen, die sich in Form von konzentrischen Kreisen kräuseln, aufeinander stoßen, sich verbinden und dabei Schwingungsknoten und Störungsmuster erzeugen.
Durch den visuellen Sinneseindruck von Nicolais teils großräumigen Installationen wird das Klangerlebnis in Porträts der Frequenzen umgewandelt. Die aus einem ähnlichen Experiment resultierende Fotoserie „milch“ besteht aus Abbildungen unterschiedlicher Milchoberflächen, die durch ansteigende Frequenzen in Schwingung gebracht worden sind. Während die niedrigen Frequenzen eine chaotisch anmutende Fläche erzeugen, bilden hohe streng rhythmisch geordnete Muster. Die Arbeiten sind gleichermaßen Visualisierungen eines akustischen Phänomens wie eigenständige Kunstwerke, die aus der ihnen innewohnenden Ästhetik wirken.
In anderen Arbeiten wie „void“ versucht Nicolai, in Glasrohren Ton zu versiegeln und damit unsere Wahrnehmung zu hinterfragen sowie die Lebensspanne von Geräuschen zu thematisieren. Nicolai geht es dabei weniger um das Begreifen des einzelnen Objektes, sondern vielmehr um Relationen, um einen Systemzusammenhang, in dem kausale Abhängigkeitsverhältnisse herrschen. Klänge durchdringen den Raum, greifen auf Bilder und Objekte über und verleihen damit der gesamten Ausstellung eine Art von Polyrhythmik. [Schirn, Frankfurt 2005]
Carsten Nicolai | website
alvanoto | Minimal Electronic Music
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Klingende Räume
INTRO - Martin Büsser | 28.01.2005
Nicolai wundert sich selbst, dass viele, die seine Musik kennen, nichts von seinen künstlerischen Arbeiten wissen. Und umgekehrt. Vor allem das Kunstpublikum sei gegenüber Musik völlig ignorant. Die Jugend in der DDR, so wenig dies auch glorifiziert werden soll, hat womöglich dazu beigetragen, dass Nicolai so vielfältige Interessen ausbildete, sich für Kunst, Musik und Wissenschaft gleichermaßen interessierte – wo Informationen dünn gesät sind, kann Wissbegier ins Unermessliche steigen.
Im Interview mit Martin Pesch erklärte Nicolai vor einigen Jahren, dass ihn schon früh die Zusammenhänge zwischen elektronischer Musik und der künstlerischen Avantgarde, etwa Dada und Bauhaus, interessiert haben. Und tatsächlich wirkt ja so manche minimalistische Elektronik wie eine akustische Umsetzung konstruktivistischer Ästhetik, sozusagen wie in Klang gefasster Mondrian.
Nicolais Kunst, aber auch seine Musik wird von Ordnung und Struktur bestimmt. Seine Arbeiten sind das Gegenteil von expressivem Ausdruck oder von Grenzüberschreitung. »Ich arbeite gern unter sehr präzisen Bedingungen«, erklärt Nicolai, »und in diesem Sinne sind wissenschaftliche Forschung und künstlerische Prozesse mehr oder weniger das Gleiche.«
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VIDEO | Alva Noto + Ryuichi Sakamoto | Trioon (Karl Kliem _ 2003)
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Klar in Ordnung
DE:BUG - Christoph Jacke | 05.04.2005
[zur Ausstellung in der Frankfurter Schirn 2005]
“Anti Reflex” ist geradezu symbolisch für Nicolais bisheriges Schaffen und sein zentrales Anliegen: die Einheit der Arbeiten darzustellen. “Dabei suchte ich das große Thema zur Zuordnung. Das einfache Prinzip lautet Polarität.”
In der Schirn gibt es dementsprechend zwei getrennte Räume in Schwarz und Weiß, getrennt/verbunden durch einen mit einer weiteren Arbeit (Visual Rhythm, 2003) ausgestatteten Gang. “Reflex” und “Anti” (beide 2004) selbst scheinen als Mottos dieser Hallen zu dienen, sind aber eigentlich zwei geometrische Körper.
Nicolai erklärt: “Beide sind regelmäßig, Mathematik gilt beiden als Ordnungssystem und als Bezugspunkt, eben zur Selbstverortung sowie Selbstfindung.”
Der eine Körper aber (”Reflex”) öffnet sich, ist begehbar, transparent, unverschlossen, die Kabel sind offen gelegt, seine Außenhaut ist ebenso Innenhaut und dient gleichsam als Lautsprecher, der Körper selbst wird zum Resonanzraum und strahlt Schall nicht nur ab, sondern generiert ihn. Um den “Reflex” herum gibt es etwa die “Wellenwanne” (2000), die Frequenzen in immer wieder neue, eben unberechenbare Wasserbewegungen versetzt, Klang sichtbar macht und psychische Beeinflussungen provoziert. Eine Fragestellung, mit der sich Nicolai seit Jahren beschäftigt:
“Ich habe mich Hochfrequenztönen ausgesetzt, um zu sehen, was passiert. Auslöser war Laurie Andersons Track Mr. Heartbreak mit einer hohen Frequenz im Sample, irgendwas liebte ich an diesem Track, ein warmes Gefühl. Jahre später habe ich begriffen, was das ist: Wenn du die Fernsehbildröhre anschaltest, generierst du einen hohen Ton von 11.000 Herz, den du nur unterschwellig hörst. Der dringt aber sehr wohl durch die ganze Wohnung.”
“Anti” hingegen ist komplett geschlossen, schwarz, verbirgt etwas in seinem Inneren und brummt bedrohlich tief, wenn Mensch und also Magnetfeld sich ihm nähert (hier funktioniert laut Nicolai das gute alte Theremin als Sensor). Um den “Anti” herum sind in einer abgedunkelten Halle Arbeiten gruppiert, die sich nicht so schnell erschließen lassen. “Telefunken Anti” (2004) etwa, bei dem die Fernsehbildschirme gegen die Wand gerichtet sind. Der Anti-Raum absorbiert und verschluckt Licht. Auch im eigens produzierten Video “Spray” (2004) tritt eine technische Verweigerungshaltung laut Nicolai zu Tage:
“Es geht um die Atomisierung und Zerstäubung von Information.”
Die beiden Hallen mit ihren zentralen Körpern bilden die Klammer um Nicolais alte und neue Arbeiten, zeigen seine Verwobenheit der Elemente, seine Referenzen und Verweise auf eigene Arbeiten. Dass dabei gewissermaßen ein dritter Raum entsteht, der des Grauen, des Schattenhaften, des Anti-Reflex, ist einer der zahlreichen spannenden Effekte.
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raster-noton. oacis | mit Audio-CD: Optics Acoustics Calculated in Seconds
| Taschenbuch
| 104 Seiten
| Limited Edition (Oktober 2000)
| Sprache: Englisch, Deutsch
| 25 x 18,2 x 1,2 cm
Mit Texten vonRob Young (The Wire), Pinky Rose, Peter Kraut (NZZ) und Martin Pesch (Frieze, Spex, Kunstforum). raster-noton ein Musiklabel an der Schnittstelle von elektronischer Musik, Computergrafik und Filmanimation, zwischen Pop- / Clubkultur und bildender Kunst. Die kreative Verpackung beinhaltet eine CD mit Audiotracks und Multimediadaten.
Das 1994 von Carsten Nicolai gegründete Label „noton“ fusionierte 2000 mit dem Chemnitzer Label „Rastermusic“ von Olaf Bender und Frank Bretschneider zu „raster-noton“ und ist heute eine der wichtigsten Plattformen für Minimal Electronic Music.
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Grenzenlos
TEXTE ZUR KUNST - Mercedes Bunz | Heft 60, Dezember 2005, 186-189
Schon in den Audiostücken, mit denen er wie mit „Konstrukt“ (1997) einen akustischen Raum im architektonischen Raum schafft, werden in den frühen Arbeiten Töne und Rauschen immer wieder forschend untersucht und visualisiert. Schließlich werden direkt mathematische Darstellungsformen und Experimentalisierungen aufgenommen. In „Telefunken“ (2000) etwa wird an das Videosignal des Fernsehers mit einem CD-Player verbunden, dessen Impulsfrequenzen und Testtöne dort ein abstraktes Bild ergeben. In einer anderen Arbeit wird „Milch“ (2000) mit Sinusschwingungen von 10 bis 150 Herz bespielt, so dass der akustisch kaum wahrnehmbare Ton eine permanent bewegte, grafische Struktur entstehen lässt. Von hier aus wendet sich Nicolai schließlich mit Arbeiten wie der „Nebelkammer“ (2002), in der er die natürliche Radioaktivität der Erde sichtbar macht, auch direkt wissenschaftlichen Systemen zu.
Gerade in der letzten Zeit, etwa bei seiner großen Ausstellung „anti reflex“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt ist Nicolais Arbeit deshalb immer wieder als eine „Auseinandersetzung“ mit Wissenschaft rezipiert worden. Tatsächlich suggeriert Nicolais minimale Ästhetik auf den ersten Blick den Eindruck einer kühlen futuristischen HighTech-Forschung. Seine Arbeiten geraten damit durchaus in die Gefahr, mit dem Operieren an der Grenze der Sichtbarkeit auf die Täuschung der menschlichen Wahrnehmung zu verweisen. Die klare, kühle Oberfläche der Wissenschaft wäre dann als das Gegenüber des fehlerhaften Menschen zu lesen - eine eher simple Haltung.
Tatsächlich geht es Carsten Nicolai jedoch nicht um das menschliche Subjekt. Die naturwissenschaftlichen Visualisierungen werden von Nicolai nicht eingesetzt, um etwas über die Rolle des Menschen auf dem Umweg der Wissenschaft auszusagen. Die wissenschaftlichen Rückgriffe, die bei Nicolai eingesetzt werden, erfolgen viel eher um der Visualisierung willen. Es ist bezeichnend, dass Nicolai nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft aufruft, sondern vielmehr von ihrer Materialhaftigkeit fasziniert ist. Frühe Arbeiten wie „Realistisc“ (1998) operieren oft mit ausrangierten Geräten, hier einem Magnettonband. Wissenschaft ist damit bei Nicolai nicht das Andere der Ästhetik. Die Wissenschaft wird zum Material der Ästhetik, ihre Aufgabe ist hier parallel zu ihrem eigenen Feld die Erkundung von Grenzen, allerdings von Grenzen der Sichtbarkeit, etwa wie in „Einkristall“ (2004), einem künstlichen Kalziumflorid-Kristall, der sich durch eine einheitliche Anordnung der Atome auszeichnet. Es geht also um eine Grenze von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, um den Moment kurz vor oder kurz nach der Überschreitung, den Moment, an dem etwas hörbar wird oder sichtbar.
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Carsten Nicolai. Anti Reflex
| Hamburger Kunsthalle
| Galerie der Gegenwart
| bis 7. Dezember 2008
Nov
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The Collections of Barbara Bloom
November 5, 2008 | Leave a Comment
I Shut Them So That Everything Goes Black 1986 | bw photo w Braille text
KUNSTSCHAU Hamburg | Jens Ullheimer | PT Martin-Gropius-Bau
Der Martin-Gropius-Bau zeigt bis 9. November 2008 eine Ausstellung mit Arbeiten der amerikanischen Künstlerin Barbara Bloom.
Wie der Titel nahe legt, zeigt die Ausstellung Sammlungen und reflektiert diese. Es handelt sich um eine hybride Ausstellungsform: eine Kombination aus einer selbst kuratierten – in der Mitte der Karriere stehenden – Retrospektive, einem Nachlass verkauf und einem Selbstportrait. Bloom gründet ihre Karriere auf der Infragestellung von Erscheinungen und der Untersuchung des Besitzstrebens. Dabei hinterfragt sie konventionelle Wahrnehmungsformen mit ironischen Kommentaren zum Wertewandel, den Praktiken des Sammelns und den Normen einer Retrospektive.
Zu den vielen ungewöhnlichen Objekten, die präsentiert werden, gehören ein Playboy-Magazin in Blindenschrift, Briefmarken, auf denen Arbeiten zeitgenössischer Künstler gezeigt werden, ein Polsterstuhl, auf dessen Stoff eine Röntgenaufnahme der Zähne der Künstlerin zu sehen ist, ein pornografisches Bild, das auf einem Reiskorn aufgedruckt wurde, zerbrochene Keramikkrüge, deren Risse mit Gold repariert wurden und ein Teppich, auf dem die Titelseite der Erstausgabe des Romans Lolita von Vladimir Nabokov dargestellt wird.
Bloom gehört neben Cindy Sherman, Richard Prince und Barbara Kruger zu den herausragenden Künstlern der postmodernen Generation. Sie ist besonders für ihre geistreichen und eleganten Arbeiten bekannt, bei denen sie gesammelte Objekte mit selbst hergestellten kombiniert.
Die Ausstellung ist in elf Sammlungsbereiche gegliedert: Innuendo, Framing, Doubles, Broken, Songs, Naming, Charms, Blushing, Belief, Reading In, und Stand Ins. Diese eigenwilligen Kategorien enthalten notwendigerweise viele Anspielungen. Sie agieren als Schlüssel und Wegweiser, die es dem Betrachter ermöglichen sollen, sich durch Blooms Bilder und Objekte einen Weg zu bahnen. Sie veranlassen zu einem Dialog und öffnen den Blick für Blooms einzigartige Vision.
The Collections of Barbara Bloom
| Martin-Gropius-Bau, Berlin
| bis 9. November 2008
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Erröten im Museum
TAZ - Katrin Bettina Müller
Obwohl sie seit den Neunzigerjahren in Europa und den USA in Galerien, Kunstvereinen und Museen mit Einzelausstellungen vertreten war, ist sie nicht sehr bekannt geworden. Das liegt womöglich an den vielen literarischen Bezügen, mit denen sie spielt und die ihren Installationen einen bildungsbürgerlich ambitionierten Touch geben.
Der englischsprachige Band “The Collections of Barbara Bloom”, erschienen bei Steidl in New York, gilt zugleich auch als Katalog ihrer Präsentation durch die Berliner Festspiele. Beide, Buch und Ausstellung, sind in eine Reihe von Kapiteln gegliedert und in beiden spielt die Beschriftung der Bilder und Bildausschnitte eine große Rolle. Denn Barbara Bloom ist ebenso sehr Autorin wie bildende Künstlerin. Nur dass der Erscheinungsort ihrer Texte zuerst die Museumswand und dann das Buch ist.
Nicht nur darin gleicht sie ihrer Kollegin Sophie Calle, sondern auch in der Strategie, von sich selbst als dritte Person zu erzählen. Die Ausstellung führt uns vor, was “B.B.” gesammelt hat und wie “B.B.” ihre Stücke ordnet. Dieser “B.B.” gesteht Barbara Bloom dabei ein sehr affektives Verhältnis sowohl zu ihren Werken als auch vor allem zum Betrachter zu.
Denn es geht immer darum, spezielle Formen der Aufmerksamkeit zu generieren. Blushing” ist zum Beispiel ein Raum überschrieben, Erröten. Er zielt auf eine Wahrnehmung, die den ganzen Körper ergreift, Nerven, Blutbahnen, erogene Zonen streift. Die Fotografien, die hinter einem zarten Gazeschleier hängen, zeigen wiederum oft selbst Betrachtende, Rückenfiguren, die entweder eine gemalte Odaliske, einen Akt oder Fische im Aquarium betrachten.
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KATALOG | The Collections of Barbara Bloom
| Gebundene Ausgabe
| 272 Seiten
| Sprache: Englisch
| 29,7 x 24,9 x 3,3 cm
Ergänzend zur Ausstellung wurde von der Künstlerin ein umfassend illustrierter Katalog mit Texten von Dave Hickey und Susan Tallmann herausgegeben.
The Collections of Barbara Bloom kann als Installation und Künstler-Retrospektive, der Katalog als Künstlerbuch und catalogue raisonné bezeichnet werden.
In einer mit Bildern überfüllten Welt kreiert Barbara Bloom visuell reiche Kunstwerke, die Formen des Betrachtens untersuchen. International bekannt für ihre Arbeiten, die präzise, detailliert und makellos ausgeführt sind, zeigt Barbara Bloom nur selten ein einzelnes Bild oder Objekt. Stattdessen beschäftigt sie sich mit der Beziehung zwischen Objekt und Bild sowie der impliziten Bedeutung ihrer Anordnung und Zusammenstellung. Ihre Kunst nimmt die Schönheit als Prämisse, um Illusion, Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit zu erforschen.
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Leben wie Jackie O.
TAGESSPIEGEL online - Christiane Meixner
Eine Retrospektive sei zwar überfällig, für Bloom aber lange undenkbar gewesen, schreibt der etablierte amerikanische Kunstkritiker (Dave Hickey). Bis die Künstlerin auf einen Auktionskatalog mit dem Nachlass von Jacqueline Kennedy Onassis gestoßen ist – eine letzte Gelegenheit, die von der ehemaligen First Lady geliebten und gesammelten Dinge zu sehen, bevor die Auktion sie in alle Winde zerstreut.
Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert „The Collections of Barbara Bloom“. Die Ausstellung arrangiert die gesammelten Materialien der Künstlerin zu flüchtigen Installationen, die so nicht wieder zu sehen sein werden.
… ein durchgängig morbider Unterton, der sich durch die verblassenden Fotos, das zerbrochene Glas und die fragilen Installationen zieht, um im letzten Raum auf makabere Weise bestätigt zu werden: Hier ruht nicht nur Blooms eigener Grabstein in der Vitrine, daneben liegen auch altmodische Kameen und sogar Pralinen mit dem Konterfei der Künstlerin. Erst am Ende der Ausstellung wird klar, wie streng ihr Konzept jenem Auktionskatalog von Jacqueline Kennedy Onassis folgt – der tatsächlich einen Nachlass präsentiert und per Verkauf auflöst. Bloom leistet sich damit allerdings auch einen ironischen Kommentar auf die Retrospektive selbst, die den Rückblick auf ein abgeschlossenes Werk suggeriert, obwohl es längst nicht abgeschlossen ist.
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VIDEO | Kulturzeit | 3sat vom 30.10.2008
The Collections of Barbara Bloom | Die Konzeptkünstlerin aus New York, arrangiert Schattenspiele, perfekt in Szene gesetzte, gesammelte Objekte, und eine Schatzkammer voller Rätsel der Wahrnehmung auf der Suche nach Ästhetik.
| Video abspielen (0:44 min)
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Absurd und rätselhaft
DEUTSCHLANDRADIO Kultur - Barbara Wiegand
Es ist dieser Blick fürs Absurde, der immer wieder grandios ist - und doch oft rätselhaft bleibt. Wenn Fotos geheimnisvoll mit Vorhängen verhängt sind und dahinter das Abbild eines weiteren Vorhangs zum Vorschein kommt. So dass das wahre Motiv verborgen bleibt. Wenn mancher Bilderrahmen nichts als Leere rahmt.
“Diese Ausstellung ist sehr kompliziert. Sie ist verwirrend. Irritierend. Die fehlenden Bilder, die Textfragmente, die Doppelungen. All die Fragen, die auftauchen. Aber ich hoffe, der Besucher erkennt die Schönheit in dieser Rätselhaftigkeit. Und er erkennt, dass ich all die vielen Fragen hier nicht ohne Grund aufwerfe.”
So ist diese Ausstellung sicherlich keine, die man sich mal eben so ansehen kann. Vielmehr verlangt sie dem Betrachter einiges ab. Genau hinzusehen etwa. Um die kleine, klitzekleine erotische Zeichnung zu entdecken, die Bloom auf ein Reiskorn gezaubert hat. Oder die Abbildungen japanischer Gärten, die als purpurrotes und grünes Farbenspiel unter der Decke hängen. Man muss sich einlassen auf diese eigenartige Retrospektive. Auf ein Gesamtkunstwerk, das man nie ganz und kaum in seinen Teilen versteht. Das aber durch sein klares Konzept der Mehrdeutigkeit fantastisch vielschichtig ist und einen weiten Blick auf die Sammlungen der Barbara Bloom - und unsere eigenen Bilderwelten öffnet.
DEUTSCHLANDRADIO - Beitrag lesen
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NEW YORK TIMES
| A Portrait of the Artist, in Bits and Pieces
| Photos & Infos
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Des Sammelns zarte Wonnen
ARTNET - Eric Aichinger
Die Idee, die Schau wie eine posthume Sammlungsausstellung zu präsentieren, die einer kultivierten Dame der feinen Gesellschaft des Fin-de-Siècle zur Ehre gereicht hätte, zielt auf die unterschwelligen Wertmaßstäbe ab, die unsere eigene visuelle Kultur regulieren.
So wird die heitere Grundstimmung, die über der Schau liegt, immer wieder durch Anklänge an das Morbide, durch ironische bis sarkastische Brechungen relativiert. Da verweist die in einer alten japanischen Technik reparierte Keramik einerseits auf Autobiografisches: einen tragischen Fenstersturz der Künstlerin, infolge dessen sie sich zahlreicher Operationen unterziehen musste. Andererseits klingt darin die Frage nach dem Wert von Original und Unikat an.
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WEB-BASED PROJECT BY ARTIST BARBARA BLOOM
Dia Art Foundation, New York City
Half Full - Half Empty | web project site
In Half Full – Half Empty, Barbara Bloom presents a still life that does not remain still. An ordinary table with ordinary objects atop - a candle, wine glasses, grapes, a gift, keys, a book – placed in a manner reminiscent of the familiar genre. As with many of Bloom’s works, innuendo plays a central role. One of her favorite sayings goes “A drink before, and a cigarette after, are the three best things in life.” In her work what is absent or unsaid frequently conveys just as much meaning as what is stated or present. In Half Full – Half Empty, it is agency that is missing and inferred: grapes disappear, cards turn over, a cup fills and spills, a wine glass fills, a candle is lit, with no person visible. The objects are the protagonists.
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The Collections of Barbara Bloom
| Martin-Gropius-Bau, Berlin
| bis 9. November 2008
Okt
29
Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
Oktober 29, 2008 | Leave a Comment
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Schauspielhaus Hamburg |
Im Hamburger Schauspielhaus wird noch bis zum 11. Dezember 2008 das Theaterstück “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble frei nach »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade« von Peter Weiss gezeigt. Die Inszenierung sorgt durch den Epilog für einige Aufregung im Establishment: Hier tritt noch einmal der Chor nach vorne, der schließlich, mit Wut in der Stimme, eine Liste der reichsten Hamburger samt ihrem Vermögen, wie es zuvor im Manager Magazin veröffentlicht wurde, verliest.
Im Revolutionslaboratorium des Peter Weiss debattieren der Schriftsteller Marquis de Sade und Jean Paul Marat, radikaler Führer der französischen Revolution, über die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung. Schauplatz ist die Heilanstalt Charenton im nachrevolutionären Frankreich.
In diesem Laboratorium testen auch 24 Hamburger Bürger im Alter von 21 bis 76 Jahren ihre Lust auf Revolution, weil sie durch ihre finanzielle und soziale Situation zu den »Ausgeschlossenen« in dieser Stadt gehören. Ausgehend von ihren Alltagserfahrungen in einer sich immer deutlicher in Arm und Reich differenzierenden Gesellschaft suchen sie nach einer eigenen Position und formulieren hartnäckig ihre Forderung nach sozialer Veränderung.
In seinem 1964 uraufgeführten »Ideendrama« diskutiert Peter Weiss angesichts einer in Ost und West geteilten Welt die Tragfähigkeit linker Visionen. Nun, im Jahr 2008, nehmen der Regisseur Volker Lösch und sein Ensemble dieses Stück zum Anlass, die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in unserem Land zu stellen.
Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
nach Peter Weiss
| Schauspielhaus Hamburg
| 03.11.2008, 20:00 Uhr
| 20.11.2008, 20:00 Uhr
| 04.12.2008, 20:00 Uhr
| 11.12.2008, 20:00 Uhr
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BUCH | Edition Suhrkamp, Nr.68, Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats: Drama in zwei Akten von Peter Weiss
| Sondereinband: 139 Seiten
| Sprache: Deutsch
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Brüder, zu Aldi, zur Freiheit!
FR online - Anke Dürr
Subtil ist diese Kunst nicht. Der eine Revolutionär, der längst nicht mehr an die Veränderbarkeit der Welt glaubt und nur noch für die individuelle Freiheit (also seine eigene Libertinage) kämpft, furzt dem anderen ins Gesicht und saugt sich selbst sein massig vorhandenes überflüssiges Körperfett ab. Der andere, der für seine Ideale über Leichen geht, tritt in unterschiedlicher Maskerade auf: Mal ist er Lenin, mal Fidel Castro, mal Rudi Dutschke und schließlich Lafontaine. Wenn diese zwei Typen miteinander diskutieren über Sinn und Unsinn der Revolution, ringen sie nicht nur um die besseren Argumente, sondern drücken sich dabei tatsächlich gegenseitig zu Boden.
Authentizität, Identifikation, Emotion. Das Volk rückt ins Zentrum, schon mit dem Prolog: Da steht dieses Hartz-IV-Volk, in wechselnden Kleingruppen, vor dem Vorhang und brüllt dem Publikum sein Schicksal ins Gesicht - mangelnde Ausbildung, zu alt, Alkohol, kaputt gearbeiteter Rücken - und erzählt von dem ernsten Problem, das sich ergibt, wenn bei Aldi die Nudelpreise um 25 Cent pro Packung steigen.
Schließlich öffnet sich der Vorhang, man blickt auf eine überdimensionierte blau ausgepolsterte Gummizelle, an der Rückwand leuchtet ein riesiges, an Aldi und Lidl erinnerndes Logo, als sei es die aufgehende Sonne. Hier rennen die uniform gekleideten Arbeitslosen gegen die Wände und rufen ihre Parolen. Wenn es zu wild wird, kommt der Anstaltsleiter und beruhigt sie mit modernen Therapie-Spielen und absurdem Motivations-Training.
Zum Epilog tritt noch einmal der Chor nach vorne und ruft ins Publikum: “Unser Land ist in Gefahr!” und “Geld ganz abschaffen!” Gegen Profitgier, Börsenheinis und Konsumsucht wettern die Hartz-IV-Opfer, und schließlich verlesen sie, Wut in der Stimme, eine Liste der reichsten Hamburger samt ihrem Vermögen, wie es zuvor im Manager Magazin veröffentlicht wurde.
Subtil ist das nicht, aber die Zahlen, die Lautstärke, der Kontrast zu dem, was diese Leute vorher aus ihrem Leben berichtet haben, entwickeln zusammen eine große Kraft, der man sich nur schwer entziehen kann: Das Publikum jubelt dem aufgebrachten Volk zu.
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Einflussnahme durch Kultursenatorin?
Hamburger Abendblatt - Maike Schiller
Schauspielhaus: Karin von Welck protestiert gegen “Marat”-Epilog
Auch in einer Theaterrevolution kann politischer Zündstoff stecken. Die nach ihrer Premiere bejubelte und von einigen Hamburger Millionären kritisierte Inszenierung “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” am Schauspielhaus (wir berichteten) sorgt für immer mehr Aufsehen.
Nun meldet sich auch die Kultursenatorin zu Wort - mit heftiger Kritik am Epilog des Stückes, in dem die Namen der reichsten Hamburger laut verlesen werden.
“Einzelpersonen an den Pranger zu stellen ist in meinen Augen eine billige, populistische Form, Kritik auszudrücken”, so von Welck in einem gestern Abend veröffentlichten Schreiben. “Zum Glück gibt es heute in unserem Land künstlerische Freiheit, weswegen ich als für Kultur zuständige Senatorin und selbst als Aufsichtsratsvorsitzende des Schauspielhauses nicht in einzelne Inszenierungen eingreifen will und darf”, aber “als Bürgerin” sei ihr “die Art und Weise, wie in dieser Inszenierung einzelne Menschen in Misskredit gebracht werden, zuwider”.
Regisseur Volker Lösch allerdings empfindet “auch dieses veröffentlichte Schreiben als Versuch einer Einflussnahme. Eine Senatorin greift immer als Senatorin und nicht als Bürgerin ein. So eine Erklärung ist ein subtiler Versuch der Einflussnahme und als solches ein kleiner Skandal.”
Chormitglied Meike Harms versteht die Aufregung nicht: “Wir sagen doch gar nicht, dass die Reichen schlecht sind. Es geht doch bloß darum, die Schere zwischen Arm und Reich zu verdeutlichen.”
Der eigentliche Skandal, findet Volker Lösch, sei, dass man zwar Hartz-IV-Empfänger auf die Bühne stellen, aber nicht über Reichtum sprechen dürfe: “Das Thema ist offensichtlich ein Tabu.” Der Regisseur zieht aus den Reaktionen nun seine eigenen Konsequenzen: “Ich kündige hiermit eine Inszenierung über das Thema Reichtum an.”
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Millionäre protestieren gegen «Marat»-Premiere
Hamburger Morgenpost
Wirbel um die aktuelle Inszenierung des umstrittenen Regisseurs Volker Lösch am Hamburger Schauspielhaus. Stein des Anstoßes ist eine Namensliste.
Am Ende seiner Version von Peter Weiss’ Politdrama «Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade» liest ein Chor von (echten) Arbeitslosen eine Liste der reichsten Hamburger vor. Dagegen hatten bereits einen Tag vor der Premiere am Freitagabend vier der 28 genannten Millionäre protestiert. «Die vier Personen drohten mit einer einstweiligen Verfügung, sollten ihre Namen auf der Bühne genannt werden», sagte Uwe Heinrichs, Sprecher des Schauspielhauses, am Montag.
Wenn die reichsten Hamburger 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen würden, hätte der Hamburger Haushalt pro Jahr 1,234 Milliarden Euro mehr in der Kasse. Dann verliest der Chor die 28 Namen und Adressen von Hamburger Firmen und Familien, die laut einer Liste des “Manager Magazin Spezial 2008″ zu den 300 reichsten Deutschlands gehören. [Superreiche am Pranger]
Die betroffenen Namen wurden deshalb bei der Premiere nicht vorgelesen, stattdessen das anwaltliche Schreiben zitiert.
Lösch nutzt das Drama über die Französische Revolution, um auf aktuelle Missstände aufmerksam zu machen. Ein Thema ist dabei die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Am Ende der Inszenierung ruft der Chor der Arbeitslosen: «Bomben in Sexshops!», «Hamburg soll brennen!» und «Das Geld ganz abschaffen!» Das Premierenpublikum spendete am Freitagabend lang anhaltenden Beifall.
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Kniefall vor dem Kapital
TAZ - Petra Schellen
Hamburgs Kultursenatorin wollte Teile einer Aufführung verbieten, weil die Namen einiger Millionäre vorkamen. Ein bizarres Stück über die Vermischung von Kultur und Politik.
Im vorliegenden Fall hat es die Senatorin vor allem an Image gekostet. Denn von Souveränität und Demokratieverständnis zeugt es nicht, wenn sich Politiker als Zensoren versuchen und Intendanten wie Schuljungen abmahnen.
“Sollen potenzielle Sponsoren bestimmen, was auf der Bühne gespielt wird und was nicht”?, fragt Intendant Schirmer dann auch irritiert. Und ob es denn verboten sei, ein Stück zu spielen, das auf die Tatsache verweise, dass sich unsere Gesellschaft “auf scharfe Weise in Arm und Reich scheidet”.
Nun, was Hamburg betrifft, muss man sagen: Ja, es ist anscheinend verboten - wobei fraglich ist, ob die verbliebenen 23 Millionäre das genauso verbissen sehen wie ihre Senatorin. Denn etliche von ihnen sponsern tatsächlich Kultur und dürften mit deren kritischem Diskurs vertraut sein. Das eigentlich Frappierende an dem Vorgang ist aber dessen Schizophrenie: Ausgerechnet Hamburg, ansonsten so stolz auf seine Millionäre, die Museums- und Universitätsanbauten sowie die Elbphilharmonie ermöglichen, will deren Namen plötzlich nicht hören. Jedenfalls nicht aus dem Mund “echter” Arbeitsloser.
Was will uns also diese Posse sagen? Erstens: Politiker sind machtbewusst und opportunistisch, aber das wussten wir schon. Zweitens: Das Theater ist nicht tot. Es kann hochpolitisch sein und einen brennenden Diskurs entfachen. All das haben Intendant und Regisseur sicher geahnt. Dass aber die Creme der Weltstadt Hamburg - beziehungsweise deren selbst ernannte Büttel - so dünnhäutig reagieren würde, das ist eine geradezu befreiende Erkenntnis. Volker Lösch hat mit seinem Probeaufstand der Armen offenbar den wunden Punkt getroffen. Und die Politik dazu gebracht, sich in einer Art zu entblößen, die niemand, der etwas bei Verstand ist, für möglich gehalten hätte.
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Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?
nach Peter Weiss
| Schauspielhaus Hamburg
| 03.11.2008, 20:00 Uhr
| 20.11.2008, 20:00 Uhr
| 04.12.2008, 20:00 Uhr
| 11.12.2008, 20:00 Uhr
Okt
21
BEUYS. Die Revolution sind wir
Oktober 21, 2008 | Leave a Comment

KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Hamburger Bahnhof, Berlin
Die Ausstellung untersucht bis zum 25. Januar 2009 in 15 Kapiteln die utopische Dimension des Gesamtwerkes von Joseph Beuys. Im Zentrum steht die seinem Erweiterten Kunstbegriff zugrunde liegende Vorstellung, einer Revolutionierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Beuys hat seinen Revolutionsbegriff wiederholt auf diese für Europa folgenreiche politische Umwälzung des späten 18. Jahrhunderts bezogen, aber jede Form der Gewalt abgelehnt.
Zwanzig Jahre nach der letzten umfassenden Ausstellung in Deutschland wird erstmals der gesamte Kontext anhand von Dokumenten, Schriften, Filmen und Fotografien erläutert. Die Präsentation setzt auf das offene Werk und vor allem auf Beuys selbst: als Künstler, als Denker, als Mensch. Kapitale Beuys-Werke der Sammlung Erich Marx sowie die Fülle der audiovisuellen Materialien aus dem Bestand des Joseph Beuys-Medien-Archivs werden in vitaler, dialogischer Gegenüberstellung mit selten geliehenen Schlüsselwerken aus ganz Europa gezeigt.
Eine Ausstellung im Rahmen von: “Kult des Künstlers”
Der Künstler ist die zentrale mythische Figur des Abendlandes. Seit Jahrtausenden wird er in immer neuer Gestalt verehrt: als Prometheus, Prophet, Genie oder Übermensch. Dieser Künstlerkult wird 2008 zum großen Thema der Staatlichen Museen zu Berlin.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird der Kunst in Joseph Beuys (1921-1986) eine Gestalt geboren, die in ihrem universellen Anspruch und ihrer genialen Bildlichkeit weit in die europäische Geistesgeschichte ausgreift. Kein Künstler des 20. Jahrhunderts hat sein Denken über die Beziehungen zwischen Kunst und Gesellschaft so komplex angelegt wie Joseph Beuys.
Beuys versuchte aus einem totalen Kunstbegriff heraus alle Bedingungen des menschlichen Lebens zu hinterfragen und sie gleichsam auf einen zukünftigen Menschen zu projizieren. So sind in seinem Motto „ Jeder Mensch ist ein Künstler“ die kreativen Kräfte des Menschen angesprochen, die in allen Tätigkeitsfeldern Umgestaltungsprozesse in Gang setzen, die die uneingelösten Forderungen der Französischen Revolution nach Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit verwirklichen sollten.
Beuys hat nicht nur als Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie und später an der von ihm gegründeten Freien Internationalen Universität gewirkt, sondern Parteien und Organisationen gegründet, die sich praktisch für diese Ziele einsetzten. Die Ausstellung zeigt alle diese für einen Künstler ungewöhnlichen Arbeitsgebiete, seine Auseinandersetzung mit den Begriffen Arbeit, Denken, Plastik, Demokratie, Pädagogik, Wirtschaft, Geld, Recht, Christentum. Darüber hinaus werden alle Formen seiner reichen Kunstproduktion von der Zeichnung, Skulptur, Objekt, Environment, Film bis zur Spracharbeit ausgebreitet, die sich immer wieder auf seine Grundgedanken einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft beziehen.
Kurator: Prof. Dr. Eugen Blume
BEUYS. Die Revolution sind wir
| Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart - Berlin
| bis zum 25. Januar 2009
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KATALOG | Beuys
Die Revolution sind wir
Mit zahlreichen Essays
| Gebundene Ausgabe
| 300 Seiten
| Sprache: Deutsch
| 30,4 x 24,8 x 4,2 cm
„Die Revolution sind wir“ – Beuys’ programmatische Behauptung erscheint heute genauso zeitgemäß, brisant, ja wegweisend wie zu seinen Lebzeiten. Joseph Beuys: Das ist das im 20. Jahrhundert einmalige Phänomen einer von der Kunst her gedachten Umgestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse. In jüngster Zeit ist besonders in der jüngeren Generation von Künstlern und Kunsthistorikern international ein großes Interesse an dem Werk und der Gestalt von Joseph Beuys zu beobachten. Dieser Band befragt Beuys’ Werk nach seinen historischen, philosophischen, theologischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Wurzeln. Reich an Bildern, Dokumenten und Schriften, versucht er Beuys als einmaliges Phänomen einer künstlerischen Biographie zu fassen. In zahlreichen Essays werden Beuys und seine Behauptung aus heutiger Sicht kritisch befragt: Welche Revolution? Wer sind wir? Und was hat Beuys, was hat die Kunst damit zu tun? /-/ In Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart – Berlin.
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VIDEO
Joseph Beuys’ Entlassung an der Düsseldorfer Kunstakademie 1972
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Mit heiligem Ernst oder mit Ironie ertropft
FR online - Elke Buhr
In unzähligen WG-Küchen hing dieses Bild, und wer weiß, vielleicht hängt es noch: Joseph Beuys 1971 in Neapel, mit Hut und Military-Weste, in schweren Stiefeln in Richtung des Betrachters ausschreitend. “La rivoluzione siamo noi”, die Revolution sind wir, so hat er in seinen geschwungenen Buchstaben darunter geschrieben, dazu die Signatur. Joseph Beuys der Revolutions-Künstler, der Meister der Teach-ins, der Prediger und Schamane: Er erscheint auf dem Plakat zum Klischee geronnen wie ein Che Guevara auf der Unterhose, von eigener Hand zum Mythos gestaltet, zwecks multipler Verbreitung an revolutionär gestimmten Küchenwänden der westlichen Welt.
Natürlich, Beuys selbst hat mit seinem Konzept der sozialen Plastik die gesamte Gesellschaft zur Kunst erklären wollen, und wollte eben das: Revolution sein. Aber die Gesellschaft hat ihn im Gegenzug ins Museum gesteckt.
Der Kunsthistoriker Beat Wyss hat kürzlich in der Zeitschrift Monopol am Mythos Beuys zu kratzen versucht, indem er darauf hinwies, dass Beuys als “ewiger Hitlerjunge” mit seinen anthroposophisch inspirierten Gesellschafts-Phantasien das völkische Gedankengut der dreißiger Jahre mit der Revolutionsrhetorik der 68er verschmolz - das würde bedeuten, dass der kultisch verehrte Schamane Beuys von dem, was er angeblich bannen wollte, selbst nicht los kam.
Und auch wenn die Berliner Ausstellung alles tut, um Beuys als über alle Zweifel erhabenen Humanisten und Utopisten in Gold und Honig zu tunken, so kann man dort einige Belege für Wyss’ These finden: Wer das Prinzip der politischen Repräsentation abschaffen will, ist sicher kein guter Demokrat im konventionellen Sinne, und nicht jeder möchte als Biene im Bienenkorb summend sein Glück finden, wie Beuys’ berühmte Honigpumpe zur Documenta 6 nahe legt.
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Das Genie, das aus der Kälte kam
FAZ - Niklas Maak
Eine bestimmte Generation von Beuys-Interpreten feierte ihn als schamanisch-depressiven Mythensucher, der im Materiallager einer dunklen Vorzeit die conditio humana suchte. Von dieser Entpolitisierung des Werks war es nicht mehr weit zu einem defätistischen Gesellschaftsbild, das dem Betrachter die Rolle eines erschrocken staunenden Wurms im unabänderlichen Kosmos zuweist: Der Isis-Kult glänzt golden, der Mensch ist dem Menschen ein Kojote; Wälder und Eisen, Blut und Schnee, keine Hoffnung, keine Veränderung, Wiederkehr des Immergleichen.
Was bedeutet uns Beuys heute? Die Berliner Ausstellung ist eine der besten, die es seit langem gab – weil sie nicht Verehrung der Objekte erzwingt, sondern Unverständnis, Fragen, eine Neubewertung zulässt. In der Mitte der großen Halle des Hamburger Bahnhofs sind zahlreiche Arbeiten versammelt, man steigt ein paar Stufen zu ihnen hinab wie in eine soeben geöffnete Ausgrabungsstätte. Diese Ausgrabungsstätte ist umstellt von vierzig Bildschirmen, Videorecordern, Plakaten, Fotografien, die den anderen Beuys, seine Ideen, sein Auftreten zeigen: Man sieht Beuys, liest Beuys, entdeckt einen valentinesken Konsumkritiker und mitreißenden Performancekünstler – und begreift, dass die sogenannten aus Bronze, Metall und Filz zusammengestellte „Werke“, die man heute in den Museen findet, sich zum Künstler Beuys eventuell so verhalten wie Asche zu einem Feuerwerk.
Mit der Wiederentdeckung von Beuys wächst die Kritik: Nach der kritischen Biographie „Flieger, Filz und Vaterland“ hat auch der Kunsthistoriker Beat Wyss nachgelegt mit der These, Beuys habe nur „Ideen und Symbole verinnerlicht, die er als Hitlerjunge eingeimpft bekommen hatte.
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Vom Kampfpilot zum Streetfighter
TAZ - Wolfgang Müller
[ Gründungsmitglied der Musikgruppe Die Tödliche Doris. Zuletzt erschien von ihm “Neues von der Elfenfront. Die Wahrheit über Island” (edition suhrkamp, 2007) ]
Joseph Beuys blieb im Herzen ein Hitlerjunge und passte so ganz gut zur Revolte der 68er, in der die Saat von 1933 aufging, meint der Schweizer Kunstprofessor Beat Wyss.
Beat Wyss versucht die Kunst von Beuys in entwaffnender Eindeutigkeit zu lesen. So erscheint der Künstler in Wyss Artikel als Wiedergänger der Dreißigerjahre, als “Autonomer” mit Hang zum Totalitären: vom Nazi-Kampfpilot zum 68er-Streetfighter. Die Naziuniform wandelt sich zur “Fantasieuniform”: Anglerweste, Filzhut Marke Stetson und Blue Jeans. Es stellt sich die Frage, warum Wyss eigentlich nicht auf den Gedanken kommt, Beuys habe so den American Way of Life propagiert?
Wohl weil er eigentlich vermitteln möchte, dass die revoltierenden 68er im Grunde braunes Gesocks sind: “Denn siehe, die Saat von damals ging jetzt auf in der Generation von Studenten.” Und so liest der Kunstprofessor Beuys Kunstbiografie als Beweis von Unaufrichtigkeit und Nazizeitverdrängung. Ist dort die Rede von “Tartaren”, die ihn, den abgestürzten deutschen Piloten, gefunden hatten, in Filz wickelten und gesund pflegten, enthüllt Wyss: Alles Lüge! In Wahrheit sei Beuys nämlich gar nicht von Tartaren, sondern von deutschen Sanitätern gerettet worden. Von Deutschen! Hurra! Dass die Erzählung vom helfenden Tartaren Teil einer bewusst kunstvoll “gesponnenen” Biografie ist, die mit der deutschen Russenparanoia spielt, müsste eigentlich jedem klar sein, der Beuys Biografie liest: Da debütiert er 1921 mit der Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengeklebten Wunde. 1921? War das nicht sein Geburtsjahr?
Wo Wyss dagegen recht hat: Der Arbeit von Beuys haftet durchaus ein gewisser Muff an. Während andere westdeutsche Künstler nach 1945 große Formate mit frischen Farben füllen, den “Neuanfang” in großen, abstrakten Skulpturen und frischer Malerei feierten und die DDR an die Vorkriegstradition des politischen Realismus anknüpfte, sehen Beuys Zeichnungen und Skulpturen im Vergleich hutzelig, traurig, ärmlich, unförmig, rostig, völlig “unmodern” aus - eben so wie die Stimmung der repressiven Nachkriegsjahre in der BRD, wo der Wiederaufbau mit frischen Farben alte hässliche Fassaden und Wunden zuschminkte.
Dass Beuys seine körperlichen und seelischen Verletzungen, auch seine Anpassung in der Nazizeit wie kaum ein anderer seiner Generation thematisiert hat, macht ihn zur hiesigen Ausnahmegestalt. Der junge Mann, der, wie Wyss betont “wie ein Fisch im Wasser des braunen Zeitgeistes schwamm” und anschließend seine Erfahrungen in unverwechselbarer Form verarbeitete, wirkt sehr viel sympathischer als die Wendehälse, die sich nach 1945 zu Opfern und Widerstandskämpfern stilisierten.
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Joseph Beuys: “Die Revolution sind wir”
TAGESSPIEGEL online - Nicola Kuhn
Der Hamburger Bahnhof entdeckt den Künstler Joseph Beuys als Philosophen neu.
Was ist geblieben vom Aufbruch, dem Ideengebäude, den Impulsen, die der 1986 mit 64 Jahren verstorbene Künstler unermüdlich verbreitete? Die von Eugen Blume kuratierte Schau – eine der insgesamt zehn Ausstellungen zum Abschied von Peter Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Berliner Museen – verbeugt sich nicht nur vor dem bedeutenden Bildhauer und subtilen Zeichner. Sie erweckt den Philosophen, Gesellschaftskritiker, Weltverbesserer mit zahllosen O-Tönen zum Leben.
Was der vor zwanzig Jahren von Beuys’ Sekretär Heiner Bastian im Martin-Gropius-Bau eingerichteten Schau fehlte, der ideologische Überbau, ist hier zu viel. Im Sinne des Künstlers interpretiert Blume die Beuyssche Rede, sein schier endloses Räsonieren, zur plastischen Form. Das leuchtet ein, nicht nur im Sinne des erweiterten Kunstbegriffs und des Diktums „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Gerade Beuys’ Werk fehlte ohne das gesprochene Wort ein elementarer Teil. In der fast das ganze Haus ausfüllenden Retrospektive aber wird es zur Kakophonie. Der Redner Beuys gerät zur plappernden Puppe mit Hut. Der revolutionäre Anspruch, der appellative Charakter, der sich auch in den vielen Wandzitaten wiederholt, verpufft. Die Frage, was uns Beuys heute bedeutet, wird zugeredet.
Wie kaum ein anderer Protagonist passt Beuys in den Ausstellungsreigen „Der Kult des Künstlers“. Er selbst hat um sich einen Mythos generiert, der es bis heute erschwert, sich seiner Kunst ohne ihn als Überfigur anzunähern. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof versucht diese beiden Seiten von Beuys wieder zu versöhnen, indem sie sein Weltbild, seine Bezugsquellen bei Karl Marx, Rudolf Steiner und Carl Weber, sein Bemühen um Wiedergutmachung wie beim Monument für Auschwitz dokumentiert.
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Wer nicht denken will, fliegt raus
Berliner Zeitung - Ingeborg Ruthe
Wie geht das? 5 000 Museumsquadratmeter Beuys. Und keine Ermüdung. Womöglich wirkt der Beuys-Satz an der Wand: “Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung”. Da hat man wegen der eigenen Bequemlichkeit gleich ein schlechtes Gewissen. Und wenn Deutschlands auch postum noch utopischster Gegenwartskünstler gleich darauf wissen lässt, jeder Mensch sei ein Künstler, dann wird man sich doch nicht schon nach zehn Sälen im Hamburger Bahnhof hängen lassen.
Ändern wollte Beuys das Verhältnis der Menschen zu ihren eigenen Fähigkeiten. Die Kunst sollte aktivieren, was nach der Kindheit oft nur verschüttet oder verkümmert war. Er wollte in jedem Menschen einen Götterfunken glimmen sehen, der zum selbstbestimmten Handeln befähigen sollte. Zeitlebens hat er gekämpft. Gegen Ächter, Nörgler, Besserwisser, Erzkonservative. Seine Asche war noch nicht im Nordseewasser verstreut, wie es sein letzter Wille war, und schon wurde er konserviert, katalogisiert, archiviert, zerredet und heroisiert. Oder, in zwei Fällen, im Museum von der Putzfrau irrtümlicherweise als Müll entsorgt. Von seinen 7 000 Kasseler Documenta-Eichen sind viele ausgegraben und versetzt.
Was die Berliner Beuys-Großschau vor allem leisten kann, ist die Erkenntnis, dass uns die Form seiner einstigen Vision bleibt. Eine, die er in so lakonische wie tiefsinnige Satzkonstrukte zu kleiden wusste wie: “Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt”, womit er sagen wollte, die wirklichen Ereignisse und Erleuchtungen passierten keineswegs in den Heiligen Hallen der Religionen, der Geistesgeschichte, der Kunst, sondern im banalen Alltag.
Berliner Zeitung - Artikel lesen
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PUBLIKATION
Die Inszenierung des Künstlers
| Anne Marie Freybourg
| 112 Seiten
| 20 s/w Abbildungen
| Sprache: Deutsch
| Broschur
| 14 x 20 cm
Der Kunstmarkt fordert es: Längst müssen zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen für sich passgenaue Rollen zwischen Selbstinszenierung und Selbstverwirklichung, zwischen Kunst und Kommerzialisierung finden. Sie erfüllen die Rollenerwartungen, sei es als Genie, Außenseiter oder Star, die die heutige Gesellschaft auf sie projiziert, adäquat und zeitgemäß, ob sie dabei ironisiert oder idealisiert, vom Markt getragen oder eben fallen gelassen werden.
Die Texte in diesem Buch stellen anschaulich und gut verständlich künstlerische Strategien und Rollenmodelle in der zeitgenössischen Kunst vor. An Beispielen von Andy Warhol und Sigmar Polke bis zu Neo Rauch und Sophie Calle wird deutlich, wie sich die Inszenierung der Künstler von den 1970er Jahren bis heute gesteigert, verändert und neu definiert hat: ein Buch für ein breites kunst- und kulturinteressiertes Publikum.
Texte zu:
Andy Warhol, Neo Rauch, Rebecca Horn, Sigmar Polke, Jonathan Meese, Martin Kippenberger, Bruce Nauman, Martin Liebscher, Sophie Calle, Anselm Kiefer, Monica Bonvicini, Christoph Schlingensief, Gerhard Richter
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Die seltsamen Heiligen der Kunst
ZEIT online - Petra Kipphoff
Gekürzte Fassung des Aufsatzes, der im Katalog zur Ausstellung »Unsterblich! Der Kult des Künstlers« erscheint, mit der die Staatlichen Museen zu Berlin den Abschied des Generaldirektors Peter-Klaus Schuster begleiten.
Joseph Beuys hat von Anfang an seine Funktion als Künstler mit der Rolle des Heilsbringers und Erlösers gleichgesetzt und dafür sowohl in seiner frühen Selbstbiographie mit Erlebnissen, die zwischen Dichtung und Wahrheit schillern, wie auch mit signifikanten Anfangsarbeiten wie dem Wurfkreuz mit Kniescheibe und Hasenschädel (hier kommt zum christlichen das für ihn ebenso wichtige archaische Instrumentarium hinzu) erste Spuren ausgelegt. Und dann wie selbstverständlich die Position des Künstlers, der Symbole des Glaubens gestaltet, zu der des Propheten und Glaubensstifters erweitert. Für diesen Anspruch waren seine Auftritte und Aktionen in der immergleichen Ausstattung mit Hut und Fliegerweste wichtiger als das einzelne Kunstobjekt, große Installationen wie Das Ende des 20. Jahrhunderts nicht ausgenommen. Was von diesem »Leidensmonument« jenseits der Basaltsteine übrig bleiben wird, das ist die Frage. Die katholische Kirche hat ihre Reliquien, die Kunst ihre Relikte.
Beuys’ Aktionen hatten immer den Charakter von Ritualen: das Hantieren mit einem kupfernen Hirten- oder Bischofsstab in Eurasienstab genauso wie die Fußwaschung bei Celtic+~. Am spektakulärsten war vielleicht I like America and America likes me, als Beuys eine Woche in einem New Yorker Galerieraum mit einem Kojoten verbrachte. Beuys agierte als Schamane, Heilsbringer, Erlöser, nutzte und benutzte beim Auftritt alles, was Kult und Religion ihm an Gesten, Requisiten und Materialien zur Verfügung stellten. Die Wirkung auf das Publikum war wie bei einer Séance. Niemand wäre auf den Gedanken kommen, bei Beuys’ Aktionen von einem Happening zu sprechen.
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BEUYS. Die Revolution sind wir
Eine Ausstellung im Rahmen von:
“Kult des Künstlers”
| Hamburger Bahnhof
| Museum für Gegenwart - Berlin
| bis zum 25. Januar 2009
Okt
20
Peter Doig | Retrospektive
Oktober 20, 2008 | Leave a Comment
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer - PT Kunsthalle Schirn Frankfurt
Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt bis zum 4. Januar 2009 eine Retrospektive des Malers Peter Doig.
Peter Doig gilt als einer der maßgeblichen und international einflussreichsten Maler der Gegenwart. Anhand von rund 50 Gemälden, einer Gruppe von Arbeiten auf Papier und rund 130 gemalten Filmpostern zeigt die Schirn einen umfassenden Überblick über sein Schaffen der letzten zwanzig Jahre. Viele der ausgestellten Werke waren bisher nie in Deutschland zu sehen.
Einen Schwerpunkt der Schau bilden Gemälde, die Doig in den vergangenen fünf Jahren in Trinidad geschaffen hat, sowie gemalte Poster, die für sein Kinoprojekt, den STUDIOFILMCLUB in Port of Spain auf Trinidad, entstanden sind.
Peter Doigs Gemälde beziehen sich einerseits auf die Geschichte der Malerei und sind andererseits fest im heutigen Leben verankert. Ausgangspunkt für seine Bilder sind oft Reiseprospekte, Zeitungsfotos, Filmstills oder private Schnappschüsse. Gleichzeitig spiegeln sich in ihnen auch die wechselnden Umgebungen und Gesellschaften, in denen der Künstler gelebt hat: die gefrorenen Seen seiner Kindheit in Kanada, die schillernde Metropole London oder die karibischen Landschaften und urbanen Szenerien Trinidads. In visionären Landschaften, deren Ruhe jeden Moment zu kippen scheint, gerinnen Erinnerung, Biografisches, populäre Bilder und erzählte Handlungen zu traumartigen Sequenzen.
Vielen von Doigs Gemälden eignet etwas Unbestimmtes, Ambivalentes, widersprüchliches. Immer wieder leugnet beispielsweise der Aufbau des Bildes den Raum des dargestellten Motivs. Der Künstler lässt Farbflächen flimmern, legt blass schimmernde Flecken wie einen Schleier über das Bild oder rastert die Oberfläche in fast abstrakt wirkenden Motivüberschneidungen.

Abb.: Peter Doig | Concrete Cabin | 1994, Öl auf Leinwand | 198 x 275cm
Sammlung Saatchi, London
Peter Doigs Bilder von Le Corbusiers klassisch-modernistischem Wohnblock bieten dem Betrachter ein geheimnisvolles Utopia: kosmopolitische Traumarchitektur eingebettet in (oder gefangen von) wuchernder Wildnis.
VIDEO
Anlässlich der Ausstellung „Peter Doig“ produziert die Schirn für Publikum und Presse wie bereits für vergangene Ausstellungen einen Webfilm. In dem ca. 5 Minuten langen Film spricht Peter Doig anhand von Gemälden in der Ausstellung über sein Werk und wird von der Kamera durch den Aufbau der Ausstellung begleitet.
STUDIOFILMCLUB
| bis 26. November 2008, jeden Mittwoch 19–22 Uhr
Anlässlich der Ausstellung richtet Doig einen eigenen Frankfurter STUDIOFILMCLUB ein, in dem ein vom Künstler ausgewähltes Filmprogramm gezeigt wird.
Als Peter Doig im Frühjahr 2003 zusammen mit dem Künstler Che Lovelace den STUDIOFILMCLUB in Port of Spain auf Trinidad gründete, hatten bereits große Multiplexsäle die dortige Kinoszene verändert und die Programmkinos verdrängt. In Doigs Atelier, einer ehemaligen Rumfabrik, werden seitdem einmal wöchentlich Filme gezeigt, zu deren Vorführungen der Künstler jedes Mal ein Plakat entwirft.
Die Schirn präsentiert über 130 Poster Doigs und lässt jeden Mittwochabend im Ausstellungsraum samt Bar den STUDIOFILMCLUB erstehen. Wie in Trinidad ist auch in Frankfurt der Eintritt frei, die Filme werden kurz angekündigt, im Mittelpunkt stehen das gemeinschaftliche Erleben von Filmen und die soziale Interaktion. Gestaltung und Programm des STUDIOFILMCLUBS wurden in enger Zusammenarbeit mit Peter Doig und seinen Studenten der Kunstakademie Düsseldorf und der Schirn Kunsthalle Frankfurt konzipiert.
Die Ausstellung wurde organisiert von der Tate Britain in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt und dem Musée d’Art moderne de la Ville de Paris.
PETER DOIG
| Schirn Kunsthalle Frankfurt
| bis 4. Januar 2009
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KATALOG
| 168 Seiten
| 100 farbige Abb.
| 40 einfarbigen Abb.
| H 26,5 x B 21,5 cm
| gebunden
Dieser Band stellt einen Werk-Überblick aus den letzten 20 Jahren zusammen, der mit Archivmaterial sowie Zeichnungen abgerundet wird. Mit dem ausführlichen Gespräch zwischen Doig und seinem Künstlerfreund Chris Ofili, einem Essay der Kuratorin Judith Nesbitt sowie dem Aufsatz des amerikanischen Kunstautors Richard Shiff bietet dieses Buch einen informativen und guten Gesamtüberblick.
Der in England geborene Künstler wuchs in Kanada und Trinidad auf, wo er heute wieder mit seiner Familie lebt. An der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf hat er seit 2005 eine Professur für Malerei inne. Seine Bilder bewegen sich in einem völlig eigenen Raum zwischen Figuration, intensiven Chiffren erinnerter Bilder und malerisch durchgearbeiteten Farbflächen. »Du kannst mich fragen, worum es in den Bildern geht, aber ich kann es dir wirklich nicht sagen, sie sind einfach Chiffren für deine eigenen Vorstellungen«, so beschreibt Doig selbst seine Malerei. Erster deutschsprachiger Überblick zum Werk des international bedeutenden Malers.
Ausstellung Peter Doig
Schirn Kunsthalle Frankfurt, 9. Oktober 2008 bis 4. Januar 2009
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Die Fledermaus-Männer | Gemälde und Filmplakate in der Schirn
FR online - Sandra Danicke
Anlässlich der großen Peter-Doig-Ausstellung mit circa 50 Gemälden und diversen Papierarbeiten hat man dort jetzt einen Ableger des originalen Studiofilmclubs eingerichtet.
Jede Woche seit fünf Jahren zeigt der Künstler, der 1959 im schottischen Edinburgh geboren wurde und seit 2002 mit seiner Familie in Port of Spain lebt, dort zusammen mit seinem Kollegen Che Lovelace ausgewählte Programmkino-Filme. Darunter George Lucas’ “THX 1138″ oder den senegalesische Kultstreifen “Touki Bouki”. Hierfür malt Peter Doig jedes Mal ein Plakat, 140 davon sind nun in der Frankfurter Ausstellung zu sehen - ein Anlass, der auch Doig-Anhänger in die Stadt locken dürfte, die die von der Tate Britain organisierte Ausstellung bereits in London (FR vom 23. Februar) oder im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris gesehen haben.
Es handelt sich um spontane Entwürfe voller Witz und Originalität, die mit den Originalplakaten nichts zu tun haben. “Belle de Jour”, in Luis Buñuels Film gespielt von Catherine Deneuve, hat in der Doig-Version eine schwarze Maske vorm Gesicht, während Paul Verhoevens Drama “Spetters”, in dem drei junge Motorradfans mit derselben Frau schlafen, sinnfällig mit drei unterschiedlich langen Penissen neben einem Lineal illustriert ist. Das “Carnival Roots”-Plakat wiederum, das einen Dokumentarfilm über den Karneval in Trinidad und Tobago ankündigt, zeigt einen spinnenbeinigen Mann, der als Fledermaus verkleidet ist.
Das gleiche Motiv bildet auch das zentrale, letzte Bild der Doig-Ausstellung und illustriert somit sehr anschaulich den Unterschied zwischen den bedächtig gestalteten Leinwänden und der Unmittelbarkeit der Pinselzeichnungen. Wirkt der Fledermausmann auf dem gelb grundierten Filmposter eher illustrativ und lustig, so mutet das gleiche graue Wesen als Gemälde eher unheimlich und verstörend an.
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Ein Schwamm im Exil
TAZ - Ulf Erdmann Ziegler
Eine große Retrospektive, die jetzt in der Frankfurter Schirn zu sehen ist, zeigt den Maler Peter Doig als Meister des Heimlichen: Er schraffiert sich seine Landschaft.
Er ist der ideale Künstler für eine frühe Retrospektive: Das Werk ist überschaubar, die zentralen Bilder sind wohlbekannt, und er macht nicht das, was alle machen. Er lebt auch nicht dort, wo alle leben, sondern auf einer fernen Insel. Peter Doig, vor neunundvierzigundeinhalb Jahren unter diesem bündigen Namen in Edinburgh zur Welt gekommen, ist ein Exot im Kunstbetrieb, und mit seinen kleinen, flinken Augen in einem breiten Gesicht zugleich ein Archetyp, aus festem Holz geschnitzt.
Doigs Hang zum Domestischen, seine Gleichbehandlung des Gewöhnlichen (handbemalte Mauer) und des Todschicken (Le Corbusiers Primärfarben) ist sein kreativer Schlüssel. Sein Stichwort der “homeliness” bezieht Judith Nesbitt im Katalog, der aus dem Britischen komplett übernommen und sehr präzise übersetzt wurde, auf Freuds Ausführungen zum Begriffspaar “heimlich/unheimlich”, das im englischen Text auf Deutsch eingeführt wird. Der deutsche Katalog greift direkt zurück auf Freuds Text, in dem es heißt: “Wir werden überhaupt daran gemahnt, dass dieses Wort heimlich nicht eindeutig ist, sondern zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein, einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen”, wobei Freud seine Etymologie ins Paradoxe führt: “Also heimlich ist das Wort, das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt”. Treffend zitiert, denn es stimmt, dass Doigs Bilder so viel zeigen, wie sie verbergen; was sie verbergen, ist aber nicht der Fetisch der Moderne, die Leere, sondern ein gewisses Etwas, das Sehnsuchtsgefühle weckt.
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Der Künstler und sein Kanu
SPIEGEL online - Karin Schulze
Seine Kunst ist weder hip noch cool, dafür aber so geheimnisvoll, dass Sammler für seine Gemälde Millionen bezahlen. Welchen verstörenden Sog Peter Doigs Werke entwickeln, zeigt eine Retrospektive in der Frankfurter Schirn.
Doig malt nicht reale, sondern erinnerte, ja verlorene Landschaften. “Ich habe diese ‘Landschaftsidee’ in London zu malen begonnen, unter Rückgriff auf die Erfahrungen, die ich in Kanada gemacht hatte.” So nannte er diese Produktionsweise einmal “eine Form von Flucht, denn das, was hinter der Tür lag, war tatsächlich so völlig anders. Das Werk wurde zu einer anderen Welt.”
In diesen Werkwelten steht oft eine einsame Figur herum, in Gedanken versunken, traumverloren. Wie ein Stellvertreter des Betrachters vermittelt sie das spezifische Doig-Erlebnis: dass man hinein gesogen wird in einen Gefühlsraum, den man schon einmal genau so durchlebt zu haben meint. Dieser Atmosphäre einer dunklen Ahnung arbeitet seine Malweise zu. Reflexe, Blitze, Spiegelungen, Doppelungen, Zonen der Unschärfe und pulsierenden Lichts – all das erinnert an das Flirren, in dem die Umwelt versinkt, wenn Zeit vergeht, aber sich nichts ereignet und alles Wesentliche innen geschieht.
Doig malt Erinnerungen, die auftauchen, kurz bevor sie verglühen. Er fixiert sie und deutet gleichzeitig ihre Auslöschung an. Seine Landschaften, so meinte einmal ein Kritiker, seien “psychedelische Versionen des ‘National Geographic’”. Wenn sich diese Bildwelten als Cover von Romanen oder CDs oder für Filmplakate förmlich aufdrängen, so tun sie das, weil sie eher auf bereits ästhetisch empfundene Momente, auf Gegenwelten und Orte des Abseits verweisen als auf Brennpunkte der Gegenwart oder der Geschichte.
SPIEGEL online - Artikel lesen
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Zur Schwesterausstellung in der Tate Britain
Finsteres Womöglich, drohendes Vielleicht
ZEIT - Hanno Rauterberg | 21.2.08
Als alles Schock war, Ekel und Gewalt, als die Künstler damit anfingen, Kühe in Scheiben zu schneiden und in Formaldehyd einzulegen, Büsten aus menschlichem Blut zu formen, zerwühlte Betten als Kunstwerke zu verkaufen, da griff Peter Doig zur Malerpalette, drückte ein wenig Grün und ein wenig Blau aus der Tube und malte große Verschwiegenheit. Sollten die Kollegen ruhig brüllen, sollten sie gieren nach Sensation, Doig zog es ins Unbestimmte, hinaus in dahindämmernde Landschaften, er malte Feld, Wald und Wiese, gern mondüberglänzt, ab und an auch ein Menschlein in weiter Flur oder ein Kanu auf dunklem See, ansonsten tiefe Stille. Doch eine Stille mit gewaltigem Echo, wie sich zeigen sollte.
… wirken viele Bilder so, als habe Doig wie ein durchgedrehter Laborant lauter explosive Essenzen auf seiner Leinwand verteilt, als brauchte es nur einen Funken, und schon würde alles hochgehen. Doch der Knall bleibt aus, vergeblich wartet man auf die große Reaktion. Und so beginnt spätestens nach dem dritten, vierten Bild die Neugier nachzulassen. Zu oft lässt Doig es mulmen und raunen, zu spannungslos ist die Komposition, zu treuherzig sind die Motive. Einmal stellt er einen Schimmel auf eine Flusssandbank im Sternenlicht, umgeben von lauter Krähen ein Motiv, bestens geeignet für selbst bemalte Kühlerhauben im Esoteriklook. Gelegentlich hat man auch den Eindruck, Doigs Bilder seien vielleicht nur deshalb so verhangen, weil er sich schwer tut mit den Details.
Nicht selten wirken seine Menschen wie ausgestopft, die Gesichter bleiben blasse Andeutung. Für ein nuanciertes Spiel der Ausdrücke, für komplexe Körperstudien, gar für vertrackte Handlungen fehlt es Doig ganz offenkundig an technischer Finesse. Gleichwohl gelingen ihm einige spannungsreiche Bilder, und zwar immer dann, wenn er harte Kontraste nicht scheut, sich sogar vorwagt ins Absurde.
TATE SHOTS | VIDEO-Special
| Peter Doig führt durch seine Ausstellung
| Tate Britain, bis 27 April 2008
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PETER DOIG
| Schirn Kunsthalle Frankfurt
| bis 4. Januar 2009
Okt
2
Kunst | Kult | Marke
Oktober 2, 2008 | Leave a Comment

Das Diktat der Marken
TAZ - Brigitte Werneburg
Zur Retrospektive des Starkünstlers Takashi Murakami in Frankfurt gehört ein eigens eingerichteter Louis-Vuitton-Shop. Mode und Kunst verbindet derzeit die autoritäre Sprache des Marketing.
Hatte man gerade geglaubt, dem Diktat der Haute Couture entronnen zu sein, sieht man sich nun vom Diktat der angesagten Labels bedroht. Provinziell ist nicht, wer der Mode nicht folgt, sondern wer die hippen Brands nicht kennt. Hatte man gerade geglaubt, dem Diktat der Avantgarde glücklich entkommen zu sein, nervt die zeitgenössische Kunst anstelle der bekannten Glaubenskriege um künstlerische Stilrichtungen und Bewegungen nun mit aufwändigen Publicity-Schlachten.
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VIDEO | 5.10 min.
| superflat monogram - takashi murakami for louis vuitton
| audio : Fantastic Plastic Machine - “Different Colors”
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Sie drehen sich dann um lebende Schweine mit Tattoos oder tote Schweine mit Flügeln, wie sie neben einem in Formaldehyd eingelegten Goldenen Kalb, Einhörnern und Brillant-Schmetterlingen von Damien Hirst gezeigt wurden, als er seine künstlerische Jahresproduktion 2008 an den ihn vertretenden Galerien vorbei, ohne Garantiesumme des Auktionshauses, aber auch ohne Kommission für seine eingelieferten Werke zu bezahlen, bei Sothebys glorreich verauktionierte. Sie drehen sich dann um die Frage, ob im Museum ein Louis-Vuitton-Shop nicht fehl am Platz sei? Oder man streitet wegen der Retrospektive des US-amerikanischen Superstars der zeitgenössischen Kunst, Jeff Koons, im Schloss von Versailles. Über sie empört sich gerade ein obskurer französischer Schriftstellerverband, stellvertretend für das gebildete und kultivierte Bürgertum der Grande Nation. Doch nur die Empörung ist fehl am Platz.
Jeff Koons in Versailles
Reportage von ARTE Kultur | 10. September 2008
VIDEO ansehen | wmv | 2.35 min.
An welchem Ort, bitte schön, wäre Jeff Koons besser aufgehoben als an diesem Ort des Luxus und der Moden, an dem es immer nur um das “thats it” ging? Um It-girls - wie die Lifestyle-Magazine heute die königlichen Mätressen nennen -, um It-bags und It-art? An diesem Ort wurde seit je dem Geschmack des Königs und seiner Entourage gehuldigt.
Glauben die Damen, sie hätten mit dem Label schon ein gültiges Fashion Statement gemacht, heften sich die Herren den Titel des internationalen Kunstsammlers an die Brust, indem sie mit der immer gleichen Künstlerfolge von Jeff Koons, Luc Tymans, Andreas Gursky, unbedingt noch Jonathan Meese oder wahlweise Daniel Richter aufwarten. Am Ende sind die Garderoben so uniform wie die Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst von Miami bis Berlin. So aufregend hat man sich das Crossover von Mode und Kunst immer vorgestellt. Störende Gegenentwürfe kommen dank der Marketinginstrumente der Corporate Culture erst gar nicht ins Spiel. Denn als Form einer weiterreichenden Markenbildung drängt sie die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk selbst erfolgreich in den Hintergrund.
Wenn man bedenkt, wie lange Clement Greenberg, der Frontman der New York School, den Abstrakten Expressionismus als einzige gültige Kunst propagieren konnte, und weiter bedenkt, was ein Kunstkritiker wie er schon gegen die geballte Macht der weltweit 200 größten Sammler ist, dann ahnt man, was droht. Diese Sammler gehören mehrheitlich dem Verwaltungs- oder Stiftungsrat renommierter Museen an und verfügen damit über ein sicheres Instrument, ihre Schätze im Kontext einer institutionell abgesicherten, kunstwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kunst gewürdigt zu sehen. Damit ist sowohl die Wertsteigerung ihrer Kunsterwerbungen auf lange Zeit hin garantiert wie der Verdacht des abgekarteten Spiels und Insidergeschäfts einigermaßen wirksam zerstreut.
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Einkaufstüte nicht vergessen!
SPIEGEL online - Heiko Klaas und Nicole Büsing
Andy Warhol wartet hinter einer kleinen Türöffnung. Doch was wird ihm und seiner Kunst hier angetan? Nachdem man sich durch einen dieser weißen Streifenvorhänge, wie sie in Metzgereien oder Kühlhäusern üblich sind, gewuselt hat, befindet man sich in der wohl fragwürdigsten Andy-Warhol-Ausstellung, die in einem deutschen Museum bisher zu sehen war.
Nach Hirsts Massenversteigerung und Murakamis Markenoverkill die nächste, ziemlich ironiefreie Liason von Kunst und Kommerz.
Die britische Edel-Jeans-Schneiderei Pepe Jeans London hat sich für einige Jahre die Exklusivrechte an den eingängigsten Warhol-Motiven gesichert und vermarktet diese - als Hauptsponsor der Schau - jetzt ebenso professionell wie hemmungslos. Umkleidekabine und Anprobierspiegel komplettieren diese regelrechte Fashion-Boutique - an herkömmliche Museumsshops hat man sich ja mittlerweile gewöhnt. Der Verkauf von Souvenirs und Merchandise-Produkten gehört zu Großausstellungen wie der Bratwurststand zur Kirmes.
Aber muss das unbedingt mitten in der Ausstellung passieren?
Hat man den Shop-Bereich erst einmal durchschritten, landet man zwischen den in Vitrinen ausgestellten, mittlerweile rar gewordenen frühen Ausgaben des von Andy Warhol gegründeten Magazins “Interview”. In der großformatigen Illustrierten ließ Warhol Künstlerkollegen und Prominente aus der Musik- und Filmbranche ausführlich zu Wort kommen. Die Titelseiten gestaltete er selbst. Vielleicht war “Interview” das einzige Marketinginstrument des oft missverstandenen Pop-Art-Künstlers. Ihn heute zur Ikone des Merchandising zu machen, wird seinem eher ironisch-spöttischen Umgang mit der Konsumwelt nicht gerecht. Warhol bemächtigte sich einst der glatten Oberflächen der Warenwelt und führte ihre leeren Versprechungen durch serielle Wiederholung ad absurdum - jetzt schlägt das Imperium offenbar zurück. Erbarmungslos kommerziell und ohne jeden Hauch von Ironie.
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Andy Warhol | Hamburger Bahnhof, Berlin | bis 11. Januar 2009
Jeff Koons | Versailles | bis 14. Dezember 2008
Takashi Murakami | MMk Frankfurt | bis 04. Januar 2009
MURAKAMI-VIDEO-SPECIALS des MOCA
The Museum of Contemporary Art, Los Angeles
Sep
25
Yoko Ono - Between the Sky and My Head
September 25, 2008 | 1 Comment
KUNSTSCHAU Hamburg - Jens Ullheimer | PT Kunsthalle Bielefeld |
Mit Yoko Ono (*1933) zeigt die Kunsthalle Bielefeld eine seit mehr als 50 Jahren aktive Künstlerin, der unzweifelhaft das Verdienst zukommt, die Conceptual Art erfunden zu haben. Diese bisher größte Ausstellung der Künstlerin in Deutschland behandelt Onos kosmisches, poetisches wie politisches Verständnis der menschlichen Kultur. Sie umfasst Werke in einer Auswahl von 1961 bis in die jüngste Gegenwart. Die Yoko Ono Schau ist bis 16.11.2008 zu sehen.
Innerhalb des Kunsthallengebäudes sind auf drei Ebenen Skulpturen, Bilder, Zeichnungen, Fotos, Filme und Klanginstallationen zu erleben. Ein mit der Künstlerin in Bielefeld gedrehter Interviewfilm begleitet die Inszenierung.
Im Kunsthalleneingang steht „Play It by Trust“, ein seit 1966 mehrfach aufgelegtes Schachspiel, das in Bielefeld in Marmor mit meterhohen Figuren auf einer Fläche von fünf mal fünf Metern ausgestellt wird. Das Spiel auf weißen Marmor kommt allein mit weißen Figuren aus. „Morning Beams“, einhundert Nylonfäden, die über alle Etagen führen, beleuchten das zwölf Meter hohe Treppenhaus. Onos Zeichnungen, die sie seit Mitte der 1990er Jahre mit Tinte auf Papier ausgeführt hat, sind unter dem Titel „Franklin Summer“ zu sehen. Ein Labyrinth aus Plexiglas mit dem Titel „Amaze“, der berühmte Film „Fly“, der eine Fliege auf dem Körper einer Frau in sechs Akten zeigt, oder das Partizipationsstück „My Mommy is Beautiful“, bei dem Bürgerinnen und Bürger eingeladen sind, dem Museum eine Fotografie ihrer Mutter mit handgeschriebenen Kommentaren anzuvertrauen, ergänzen die Ausstellung.
Im Rahmen der Bielefelder Ausstellung 2008, die Yoko Onos Werke in einer Auswahl von 1961 bis in die jüngste Gegenwart zeigt, sind Arbeiten im Außenraum des Museums zu sehen, die in Verbindung zur Stadt stehen. Dazu gehört ein „Wish Tree“, der analog zu den „Wish-Pieces“ in japanischen Tempelgärten oder den Wunschzetteln in chinesischem Dessertgebäck an die Träume der Menschen appelliert. Kinder und Jugendliche aus drei Bielefelder Schulen haben ihre Wunschzettel an einen ausgewählten Baum außerhalb des Johnson-Baus gehängt.
Für den Kunsthallenpark ist eine „Goldene Leiter“, die Allegorie des Ausstellungstitels „Between the Sky and My Head“, installiert. Das nicht betretbare Werk stellt eine gedachte geistige Mitte zwischen Himmel und Erde dar. Da es für Ono nicht nur Wunschträume, sondern auch poetische Visionen gibt, wie man sich verändern kann, plant sie als dritte Außenarbeit für der Kunsthalle die Umsetzung des 1962 niedergeschriebenen „Riding Piece“: „Ride a coffin car all over the city“. Kunsthallenbesucher können sich während der Ausstellungsdauer für eine begrenzte Dauer mit einem Leichenwagen durch die Stadt chauffieren lassen.
Yoko Ono - Between the Sky and My Head
| Kunsthalle Bielefeld
| bis 16.11.2008
Yoko Ono - IMAGINE PEACE | Internet Special
Die Ausstellung wird sehr ausführlich
auf GERMANBEAT dokumentiert
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KATALOG | Yoko Ono - Between the Sky and My Head
| 208 Seiten
| 183 farb. Abb
| Sprache: Englisch





